22. 7. 2014

Eine Festeinladung

600 Jahr unter beiderlei Gestalt

In diesem Jahr wird es genau 600 Jahre her sein, dass in einigen Prager Kirchen, die unter dem Einfluss der von Johannes Hus angeführten Reformbewegung standen, die Abendmahlsausteilung unter beiderlei Gestalt wiedereingeführt wurde. Dazu kam es im Herbst des Jahres 1414, in einer Zeit, als Johannes Hus bereits in Konstanz gefangen gehalten wurde. Jakobellus von Mies (Jakoubek ze Stříbra) und seine Mitarbeiter erneuerten in Prag die Abendmahlsausteilung unter beiderlei Gestalt – mit Brot und Wein für alle Teilnehmer – nach fast 200 Jahren. Dies geschah in vier Prager Kirchen: in Martin in der Mauer, in St. Michael, St. Nikolaus und in der Bethlehemskapelle.

Historische Zusammenhänge

Zur damaligen Zeit gab es keine wichtigere Reformströmung in der Kirche, die in solch ausdrucksstarker Weise auf die damaligen Fehler und Widersprüche in Lehre und Praxis reagiert hätte. Die Forderung, bei der christlichen Eucharistie auch den Laien zusammen mit dem Brot den Kelch zu gewähren, wurde zu einem grundlegenden Symbol und Motor des Hussitentums, in dem alle wichtigen Motive der Reformbewegung zusammenkamen: Christi Nähe gegenüber allen, die sich ihm im Vertrauen zuwenden, die Erwartung der baldigen Wiederkehr Christi, die Rückkehr zur Einfachheit des ursprünglichen biblischen Christentums, die Unzufriedenheit mit dem Zustand der damaligen „christlichen“ Gemeinschaft, die Ablehnung des Missbrauchs der Autorität der Kirche zur Bereicherung und zum Machterwerb, das Aufweichen der Unterschiede zwischen Klerus und Laien, Reichen und Armen ...

In diesem Kontext ist das Hussitentum bis heute ein außergewöhnliches internationales und überzeitliches Phänomen. Dies zeigt sich auch darin, dass seine schöpferische und geistige Kraft Persönlichkeiten in ganz Europa inspiriert hat und dass es später auf verschiedene Weise in allen weiteren Epochen unserer Geschichte hervorgetreten ist.

Die Feierlichkeiten am 12. Oktober

Als Teil der tschechischen Protestanten wollen wir am Sonntag, den 12. Oktober 2014 an dieses bedeutende Jubiläum mit einer ganztägigen Feier in der Bethlehemskapelle und an anderen Orten, die mehr oder weniger mit den damaligen Ereignissen verbunden sind, erinnern – in der Kirche Martin in der Mauer, in St. Nikolaus, auf dem Altstädter Ring und im Gebäude der Evangelischen Theologischen Fakultät der Karls-Universität.

Eröffnet werden die Feierlichkeiten am Vormittag mit einem ökumenischen Festgottesdienst, der ab 10 Uhr in der Bethlehemskapelle stattfindet.

Im zweiten Teil, am Nachmittag und am Abend, wird das Programm auf andere Orte ausgedehnt, an denen parallel unterschiedlich ausgerichtete Programme stattfinden, beispielsweise Konzerte (der vereinigte Chor Jakoubek/Hieronymus, T. Najbrt, das „Spiritual kvintet“) eine Theateraufführung von V. Marčík, Vorträge (J. Lášek, P. Hradilek und andere), eine Podiumsdiskussion zur sozialen Ausgrenzung und ein Konzert einer Roma-Gruppe, Workshops für Kinder und Erwachsene, kommentierte Spaziergänge durch das reformatorische Prag, ein interaktives Spiel für Kinder, die Vorstellung einer neuen Sammelschrift über die Kirche Martin in der Mauer.

Vielschichtige Feierlichkeiten

Grundlage der gesamten Festlichkeiten ist die ökumenische Zusammenarbeit derjenigen tschechischen Kirchen, die sich auf das hussitische Erbe berufen und zugleich deren Versuch, auch die breite Öffentlichkeit auf geeignete Weise anzusprechen. An der Vorbereitung der Festlichkeiten nimmt neben unserer Kirche (EKBB) in bedeutsamer Weise auch die Prager Diözese der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche teil. Von Seiten der Organisatoren bemüht man sich auch um eine enge Zusammenarbeit mit dem Prager Seniorat der Brüderkirche.

Auf keinen Fall wollen wir die soziale Dimension unerwähnt lassen, die mit dem Ereignis verbunden ist. Die Austeilung des Abendmahls unter beiderlei Gestalt hatte seiner Zeit eine bedeutsame soziale Konsequenz. Alle Menschen – Klerus und Laien, Reiche und Arme, Mächtige und Einfache – sind doch vor Gott gleich.

Zur Teilnahme an den Feierlichkeiten sind auch ausländische Freunde eingeladen. So wird zum Beispiel der Kindergottesdienst beim Eröffnungsgottesdienst von der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde gehalten, die ihre Gottesdienste gegenwärtig in der Kirche Martin in der Mauer feiert.

Wir laden die gesamte Kirche ein!

Die Organisatoren (das Prager Seniorat der EKBB in Zusammenarbeit mit dem Synodalrat, der Kirchenkanzlei und ökumenischen Partnern) bieten allen protestantischen Gemeinschaften an, je nach deren eigenem Ermessen in einer von drei Formen an den Feierlichkeiten teilzunehmen.

  1. Persönliche Teilnahme am 12. Oktober in Prag. Etwa die Hälfte der Gemeinden des Prager Seniorats hält an diesem Tag keinen eigenen Gottesdienst, sondern nimmt am Festgottesdienst in der Bethlehemskapelle teil.
  1. Gottesdienstfeier mit Abendmahl zu diesem Jubiläum in den Ortsgemeinden am Sonntag, den 12. Oktober (es wird Impulse für Liturgie und Predigt geben).
  1. Feier von außergewöhnlichen Abendgottesdiensten unter Einladung ökumenischer Partner im Oktober (hierzu wird es ebenfalls Impulse für Liturgie und Predigt geben).

Roman Mazur