Das Jubiläum der Kralitzer Bibel von 1613

400 Jahre sind seit der letzten Ausgabe der Kralitzer Bibel vergangen. Diese Ausgabe war das letzte öffentliche Ergebnis einer über 30-jährigen Arbeit. In Kralitz (Kralice nad Oslavou) in Westmähren entstand damals ein monumentales Werk, dessen Einfluss auf die tschechische Kirchen- und Kulturgeschichte bedeutend war. Die elf Übersetzer waren größtenteils Priester der historischen Brüder-Unität. Die Kralitzer Bibel war die erste vollständige tschechische Bibelübersetzung aus den Originalsprachen. In West- und Mitteleuropa benutzte die Kirche im frühen Mittelalter eine lateinische Bibelübersetzung, die Vulgata genannt wird. Jede Abschrift war von großem Wert, da sie von Hand auf Pergament angefertigt werden musste. Die Mehrheit der Bevölkerung konnte weder lesen noch schreiben. Eine Wende brachten erst die Reformation, die das Interesse an der Bibel ohne verfestigte Auslegungen weckte, die Renaissance mit ihrer Vorliebe für die antiken Sprachen und schließlich die Erfindung des Buchdrucks.

Bemerkenswert an der Kralitzer Bibel ist auch, dass sie im damaligen Königreich Böhmen illegal erschien. Die Brüder-Unität, die das Werk herausgab, war im Land nicht erlaubt. Die einzelnen Adelsgeschlechter hatten in ihren Herrschaftsgebieten jedoch eigene Rechte. Johann der Ältere von Žerotin, selbst Mitglied der Brüder-Unität, ließ um 1560 in Eibenschütz (Ivančice) eine geheime Druckerei einrichten, die später nach Kralitz übersiedelte. Dort erschien das einzigartige Werk der Böhmischen Brüder.

Die Arbeit der Brüder-Unität

Die Brüder-Unität, 1457 im ostböhmischen Ort Kunvald gegründet, eignete sich erst in ihren späteren Generationen die Wertschätzung für Bildung an. Seit dieser Zeit gehörten viele Priester der Brüder-Unität nach ihrem Studium an ausländischen Universitäten zu den gebildetsten Schichten der damaligen tschechischen Bevölkerung. Unter ihnen war auch Jan Blahoslav, Bischof in Eibenschütz, der in der örtlichen Druckerei der Žerotiner eine tschechische Grammatik und bemerkenswerte Gesangbücher (Kantionale) für die tschechisch und deutsch sprechenden Mitglieder der Böhmischen Brüder herausgab. Er selbst übersetzte das Neue Testament aus dem Griechischen ins Tschechische und gab es 1564 heraus. Als er 1571 viel zu früh starb, machten sich die Vertreter der Brüder-Unität bewusst, dass eine komplette Bibel in tschechischer Sprache notwendig sei. Sie bildeten eine Gruppe von Fachleuten, die fähig war, das Alte Testament aus dem Hebräischen zu übersetzen. Diese Gruppe begann ab 1577 in Kralitz, dem Ort, an dem später auch die Druckerei der Žerotiner Zuflucht fand, ihr konzentriertes Werk.

Die Kralitzer Ausgaben der Bibel

Wir kennen die Namen von elf Kralitzer Übersetzern. Von manchen wissen wir mehr, von anderen weniger oder nichts. Fest steht, dass ihr Anteil an der Übersetzung nicht gleich war. Die meisten von ihnen waren Priester oder Bischöfe der Brüder-Unität. Ihre Namen sind: Ondřej Štefan (+ 1577), Izaiáš Cibulka (Caepola; + 1582), Mikuláš Albert z Kaménka (Nicolaus Silesius, Hebräisch-Spezialist, später Professor an der Prager Universität), Jiří Strejc (Vetterus; Dichter und Übersetzer, brachte die Psalmen in Versform), Jan Hlaváč (Capito), Pavel Jesen (Jesenius; aus der Slowakei), Jan Efraim (später Bischof), Lukáš Helic aus Posen (ursprünglich Jude, Hebräisch-Spezialist), Samuel Sušický (wirkte in Slavkov/Austerlitz, Adam Felin (Kocourek; wirkte in Slavkov/Austerlitz), Jan Eneáš Boleslavský (wirkte in Trebitsch/Třebíč und Eibenschütz, später Bischof). Die Leitung der Druckerei hatte Zachariáš Šolín inne, nach ihm Bruder Elam.

Ab 1579 gaben die Kralitzer Übersetzer die Ergebnisse ihrer Arbeit in der sog. Sechsbändigen („šestidílka“) heraus. Im fünften Band (1588) erschienen die apokryphen Schriften. Der letzte der sechs Bände (1593) war die Übersetzung des Neuen Testaments von Jan Blahoslav mit kleinen Veränderungen. Die sechsbändige Ausgabe war reich verziert – charakteristisch sind die großen Initialen. Neben dem eigentlichen Bibeltext beinhaltete die sechsbändige Kralitzer Bibel theologische Anmerkungen („Glossen“). Im Jahr 1596 gaben die Böhmischen Brüder in Kralitz den ganzen Text in einem Band heraus, wobei der Bibeltext ohne Anmerkungen in zwei Spalten pro Seite gedruckt war. Im Jahr 1601 erschien die Übersetzung des Neuen Testaments mit ausführlichen Anmerkungen. Und schließlich wurde im Jahr 1613 noch einmal die ganze Bibel in großem Format ohne Anmerkungen und mit weniger Verzierungen herausgegeben.

Keine Ausgabe war identisch mit der vorhergehenden. Daraus wird deutlich, dass die Brüder ständig am Text arbeiteten, immer nach noch trefflicheren Ausdrucksformen oder einer besseren graphischen Gestaltung suchten. Wenn jedoch das Jahr 1620 die Böhmische Reformation nicht zu Fall gebracht hätte, hätten die Nachfolger der Kralitzer weiter an tschechischen Bibelausgaben gearbeitet. So aber wurde die Ausgabe von 1613 als fester Text für die kommenden Jahrhunderte fixiert. Die Kralitzer Bibel kam zwar auch später heraus, allerdings bis zum Toleranzpatent 1781 ausschließlich im Ausland, wohin viele tschechische Protestanten geflohen waren.

Charakteristik der Kralitzer Bibel

Zusammenfassend lässt sich knapp sagen, was für die Kralitzer Übersetzer charakteristisch ist:

  1. Ein demütiger Zugang zur Tradition in ihrer dynamischen Gestalt – also der Versuch alle früheren tschechischen Übersetzungen kritisch zu prüfen und so viel wie möglich zu übernehmen.
  2. Ein wachsamer Blick auf den hebräischen oder griechischen Urtext und seine Absichten und ein sorgfältiges Sortieren und Abwägen der Traditionen, die aus dem Urtext erwuchsen – von der alten rabbinischen bis zu den Zeitgenossen.
  3. Ein dauerhafter Respekt vor dem lebendigen, dynamischen Charakter von Gottes Wort, das menschliche Herzen anrührt und zur Nachfolge einlädt, und also nicht nur eine Sammlung dogmatischer Aussagen ist.
  4. Ständige Rücksicht auf den Verkündigungscharakter des Bibeltexts, dass die Bibel eine Botschaft hat und haben will, die aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt. Die Kralitzer hatten den Mut und die Sprache, sich in den Dienst der biblischen Botschaft zu stellen.

Aus Texten von Blahoslav Hájek, Pavel Keřkovský und Jiří Lukl

Quelle: www.nase-reformace.cz

Redaktion und Übersetzung: Oliver Engelhardt

 


20.11.2013, 08:33