Petr Pokorný wurde achtzig – und immer noch rüstig und aktiv

Im April feierte Professor Petr Pokorný, einer der führenden tschechischen Bibelwissenschaftler, seinen achtzigsten Geburtstag. Über lange Jahre führte er den Fachbereich Neues Testament an der Evangelisch-Theologischen Fakultät und war Leiter des Zentrums biblischer Studien der Karlsuniversität und der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik. Den hohen runden Geburtstag feiert er rüstig und noch immer aktiv. Seine Lehrtätigkeit an der Fakultät hat er eingeschränkt, wenn auch nicht vollständig, und befreit von administrativen Verpflichtungen an der Fakultät ist er verstärkt in der Akademikergesellschaft der Tschechischen Republik tätig, zu deren Vorsitzenden er für den Zeitraum 2012-2014 gewählt wurde.

Auch die vergangene Lebensdekade hat er mit zahlreichen wissenschaftlichen und zeugnisgebenden Werken gefüllt. Die Hauptthemen seiner fachlichen Arbeit bleiben gleich und unverändert ist auch sein grundlegender Stil: ausgehend von speziellen Problemen werden die Grenzen der Theologie oder der Bibelauslegung zu allgemeineren Fragen hin überschritten. Beispielhaft zeigte er dies in dem Buch „Hermeneutika jako teorie porozuměni“ (Die Hermeneutik als Theorie des Verstehens – 2005), das zurückgeht auf die theologische Ausbildung in methodischer Auslegung biblischer Texte, zu der Petr Pokorný einst ein Skript herausgegeben hat. In der „Hermeneutik“, dessen erster Teil auch auf englisch erschienen ist, geht es jedoch nicht mehr um dieses „Handwerkszeug“, sondern um dessen grundsätzliche Voraussetzungen, also um die Frage, wie eigentlich biblische Texte „reden“, dem gegenwärtigen Leser oder Hörer ihre Botschaft übergeben, wie sie Quelle und Halt des Glaubens werden können. Da biblische Texte so auf die allgemeinen menschlichen Fähigkeiten der Wahrnehmung und des Verständnisses reagieren, ist es nötig, über eine „Theorie des Verstehens“ allgemein nachzudenken. Pokorný knüpft in seiner Auffassung an Paul Ricoeur und dessen Analyse an, was Zeugnis ist und wie es „funktioniert“.

Schlüsselinhalt des christlichen Zeugnisses ist die Gestalt Jesu Christi und seine Geschichte. Damit hat sich Petr Pokorný auch langandauernd beschäftigt. Eines seiner ersten Bücher war ein Kommentar zur ältesten Wiedergabe dieser Geschichte, zum Markusevangelium. In neuerer Zeit widmete sich Prof. Pokorný der Frage der historischen Jesusforschung. Zu diesem Thema organisierte er zusammen mit der Universität in Princeton drei internationale Konferenzen, deren Ergebnisse schrittweise in Amerika erscheinen (Projekt Jesus Research), auf Tschechisch hat er eine Sammelschrift seiner Studien „Ježís Nazaretský – historický obraz a jeho interpretace“ (Jesus von Nazareth – ein historisches Bild und seine Interpretation – 2005) herausgegeben. Wieder ist der Untertitel wichtig: das, was Pokorný interessiert, ist nicht irgendeine unabhängige Rekonstruktion des „historischen Jesus“, sondern die Wechselbeziehung „Glaube und Geschichte“, ein Prozess, in dem sich bei der Erinnerung an Jesu irdischen Weg das Verständnis seiner Bedeutung herausgebildet hat.

In dieses Interesse fällt organisch auch die Aufmerksamkeit, die Pokorný dauerhaft dem wohl wichtigsten nichtkanonischen Text widmet, der das „Vermächtnis“ Jesu erfasst, dem Thomasevangelium. Seine neue Übersetzung mit auslegenden Anmerkungen hat er in dem ersten Band von „Rukopisy z Nag Hammádi“ (Die Handschriften von Nag Hammadi – 2008) herausgegeben, eine englische Version mit einer erweiterten Auslegung dann als eigenständige Monographie (2009). Zusammenhängend hat er seine Sicht auf den Prozess der Formierung des christlichen Zeugnisses in der bislang neusten Publikation herausgegeben, in deren Mittelpunkt die Frage steht, wie sich im Urchristentum die Bedeutung des Wortes „Evangelium“ entwickelte („From the Gospel to the Gospels“ – 2013, die tschechische Version „Od evangelia k evangeliím“ ist in Vorbereitung).

Im Detail beschäftigt sich Pokorný mit der Frage, wie die einzelnen Schriften des neutestamentlichen Kanons entstanden sind, in seinem umfangreichsten Buch, dem kompletten Lehrbuch „Uvod do literatury a teologie Nového zákona“ (Einleitung in die Literatur und Theologie des Neuen Testaments), das er ursprünglich (2007) für deutsche Studierende verfasst hat, das jedoch in Kürze auch auf Tschechisch erscheint. Professor Pokorný kehrt zudem auch immer wieder zu einer systematischen Auslegung biblischer Texte zurück. Die neue Reihe des Tschechischen ökumenischen Kommentars zum Neuen Testament eröffnete er mit der Auslegung des Epheserbriefes („List Efeským“ – 2005) und gegenwärtig arbeitet er an einer neuen Version des Kommentars zum Markusevangelium.

Der breiteren Öffentlichkeit sind die „Gespräche zu biblischen Texten“ bestimmt, die er bereits seit einigen Jahren zusammen mit Petr Vaďura im Radio führt und die im vergangenen Jahr unter dem vielsagenden Titel „Má to smysl“ (Es hat Sinn – 2012) in Buchform herauskamen. Dies ist Pokornýs Überzeugung, die er nicht nur auf die Auslegung biblischer Texte bezieht, sondern die er für eine knappe Zusammenfassung der christlichen Botschaft hält, die auf der Auferstehung Jesu basiert. Das Evangelium ist die Zusage dessen, was Sinn, was (ewige) Zukunft bei Gott hat. Dieses zu bezeugen, ist laut Pokorný Grundaufgabe der Kirche, an der er sich als Theologe betont beteiligt.

Für dieses Zeugnis, das seine fachliche und seine populärwissenschaftliche Arbeit durchdringt, sind wir Petr Pokorný dankbar und wünschen ihm, dass er in seinen weiteren Tagen viel Freude hat im Licht des neuen Tages, der seit Ostern jede Dunkelheit erhellt.

Jan Roskovec


01.10.2013, 09:42