8. 11. 2012

Hebe Kohlbrugge stattet Prag im Alter von 98 einen Besuch ab

„Sehr geehrter Herr Prof. Hromádka, Ich bin mir sicher, Sie erinnern sich an mich. Wir haben uns 1939 bei Karl Barth kennen gelernt...“

Am 17. Oktober 2012 war der Vorlesungssaal in der Evangelisch-theologischen Fakultät (ETF) voll von Studenten und Dozenten, die gekommen waren, um einem besonderen Gast zuzuhören. Die 98jährige Hebe Kohlbrugge berichtete davon, wie sie erstmals ein Interesse an der Tschechoslowakei entwickelte durch die Freundschaft mit böhmischen Mitinsassinen im Konzentrationslager. Nach Kriegsende erhielt sie dieses Interesse trotz aller Schwierigkeiten durch das kommunistische Regime aufrecht. Den anwesenden Studenten wurde eine Kopie des Briefes gezeigt, den sie 1954 an J. L. Hromádka verfasst hatte, der zu jener Zeit Dekan der ETF war. Sie bot darin an, der Fakultätsbibliothek eine Reihe theologischer Bücher zukommen zu lassen. (Herrn Hromádka hatte sie erstmalig vor Kriegsbeginn im Haus Karl Barths getroffen, bei dem sie Theologie studierte.) Dies war ein frühes Beispiel der Hilfs- und Unterstützungstätigkeit, die Hebe zur ETF und EKBB über viele Jahre der kommunistischen Herrschaft unterhielt – Bücher, Kontakte, Besuche, Studentenaustausch uvm. Ihre Bemühungen sind einer der wesentlichen Gründe dafür, dass die EKBB und die Evangelische Kirche in den Niederlanden nach wie vor enge Beziehungen pflegen. Ihr Einfluss an der ETF ist noch immer deutlich spürbar: Einem der hießigen Dozenten, vormals schon Dekan, wurde zu kommunistischen Zeiten ein Studium in Amsterdam ermöglicht (Er spricht fließend holländisch). Ein niederländischer Student, dem ein Studienaufenthalt im kommunistischen Prag organisiert worden war, gehört heute zum Lehrpersonal der Fakultät (Er spricht fließend tschechisch). Zwei Beispiele des umfangreichen Studentenaustauschs, den Hebe ins Leben gerufen hatte und betreute. Was die Fakultät ihr verdankt, wurde ihr 1991 durch die Verleihung der Ehrendoktorwürde anerkannt.

Die Geschichte von Hebe Kohlbrugges langem und faszinierendem Leben kann in ihrer Autobiographie Zwei mal zwei ist fünf nachgelesen werden. Aus dem holländischen Original 2003 ins Deutsche und 2011 auch ins Tschechische übersetzt. 2011 besuchte sie Prag ebenfalls um bei der feierlichen Präsentation der tschechischen Übersetzung dabei zu sein. Ihre tschechischen Freunde waren sehr angetan, dass sie nun so schnell wiedergekommen war. Wir freuen uns schon auf ihren nächsten Besuch als Einhundertjährige!

Peter Stephens