15. 10. 2012

Im Rumburger Pfarrhaus ist ein Familienzentrum entstanden

In Rumburg und Umgebung kam es im Spätsommer 2011 zu wochenlangen Unruhen und Demonstrationen, die sich vor allem gegen die hier lebende Roma-Kommunität richteten. Auf erschütternde Weise traten über Jahre gewachsene Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten zu Tage.

Für unsere Pfarrgemeinde der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder war dies Grund für das Bemühen, Zeichen gegen Ausgrenzung und gegenseitiges Misstrauen zu setzen.

Ende 2011 führten Impulse aus zwei verschiedenen Richtungen zu dem Entschluss, im Rumburger Pfarrhaus ein Familienzentrum zu gründen:

ñ eine Reihe junger Familien in und rund um die Gemeinde wünscht sich für ihre Kinder alternative Betreuungsformen, Aktivitäten und Bildungsangebote bei denen ein guter Umgang miteinander und mit der Natur im Vordergrund stehen

ñ der Roma-Verein Čačipen suchte nach geeigneten Räumen für ein Vorschulprojekt für Roma-Kinder, um Kinder auf die Schuleintrittsprüfungen vorzubereiten. Hintergrund ist, dass ein sehr hoher Prozentsatz der Roma-Kinder auf einer Sonderschule eingeschult wird. Der Weg in eine Zukunft ohne „richtigen“ Schulabschluss und ohne Aussichten auf einen Ausbildungsplatz ist damit schon vorgezeichnet.

So ist im Frühjahr diesen Jahres im Pfarrhaus unserer Gemeinde das Familienzentrum Klíček entstanden.

Der Name, der für das Familienzentrum gewählt wurde, ist richtungsweisend: das tschechische Wort klíček bedeutet sowohl Schlüsselchen als auch Spross. Neben dem Aspekt der Öffnung, des Sich-Öffnens für das Andere, für den Anderen, drückt sich in diesem Namen die Überzeugung aus, dass auch dem Kleinen und Unscheinbaren Kraft innewohnt, dass auch kleine Veränderungen Sinn machen.

Durch umfangreiche Umbauarbeiten erhielt der Gemeindesaal eine Kochecke und eine Heizung, in einem ehemaligem Heizraum entstanden ein kleines Büro und ein Waschraum. Der Fußboden im Eingangsbereich wurde erneuert, ein Vorraum abgetrennt... Einladende Räume sind es nun, für die wir dankbar sind, ebenso wie für die große finanzielle Unterstützung des Projekts durch das Hilfswerk der Evangelischen Kirche Schweiz HEKS, die Frauenarbeit des Gustav-Adolf-Werkes, die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen, Kirchgemeinden und Einzelspender, ohne die der Umbau nicht möglich gewesen wäre.

Erstaunlich schnell haben sich die Räume mit Leben gefüllt. Seit Mitte April kommt im Familienzentrum die Vorschulgruppe des Roma-Vereins Čačipen an vier Vormittagen in der Woche zusammen. Derzeit besteht die Gruppe aus 10-12 Kindern, von denen etwa die Hälfte der Roma-Kommunität angehört. Dass auf diese Weise beide Bevölkerungsgruppen einander begegnen, gute Erfahrungen miteinander machen, Vertrauen gewinnen, scheint uns in der angespannten sozialen Situation in unserer Region besonders wichtig.

Die Vorschulkindergruppe ist der Aspekt des Familienzentrums, der in der Öffentlichkeit am stärksten wahrgenommen wird. Daneben werden die Räume aber auch von anderen Initiativen und Gruppen genutzt, so z.B. vom Verein CEDR, der einen Theaterworkshop und einen Fotokreis für sozial benachteiligte Jugendliche anbietet, und natürlich von der Pfarrgemeinde. Wir hoffen, dass es mit den neuen Räumen leichter wird, auch kirchenferne Familien einzuladen. Bei Familienrüstzeiten und Einzelveranstaltungen wie der Nacht der Kirchen gelingt dies bereits gut. Mit dem nun neu beginnenden Schuljahr wollen wir verstärkt in unsere regelmäßigen Kreise einladen.

Schrittweise erfuhr in den letzten Monaten auch der Pfarrgarten eine Umgestaltung. Eindrücklichste Veränderung ist die kleine Spielhütte aus Lehm und Schilf, die seit Anfang August dank eines Baueinsatzes von Lehmbauern aus der Altmark im Garten steht.

Nach wie vor aber ist im Außenbereich noch viel zu tun. Spielmöglichkeiten, Sitzplätze ... - es gibt so Manches, was noch fehlt. Auch einige kleinere Arbeiten im Innenbereich würden wir gern noch anschließen.

Schwerpunkt der derzeitigen Pläne ist jedoch die Weiterführung der Vorschulerziehung, die bis jetzt von kurzfristigen Fördermitteln abhängig ist. Verschiedene Modelle sind im Gespräch. Das Hinarbeiten auf einen kirchlichen, staatlich anerkannten Kindergarten ist eines davon.

Constance Šimonovská