Interview mit Andreas Hess

Jede Reise nach Tschechien ist wie ein Heimkommen.


Sie sind bei uns gut bekannt als ehemaliger Osteuropa-Referent für kirchliche Zusammenarbeit von HEKS (Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz). Warum sind Sie diesmal nach Tschechien gekommen?

Die Abteilung für Fundraising in der Zentralen Kirchenkanzlei hat erreicht, dass der Kohäsionsfonds der Schweizerischen Eidgenossenschaft ein Weiterbildungs-Programm der EKBB finanziert, in dessen Rahmen ich mit Mitarbeitenden der Ökumene-Abteilung Fragen im Zusammenhang mit dem Projektmanagement (Stichwort: Projektantrag, Projektzyklus u.a.) diskutieren und an verschiedenen Orten einen Vortrag zum Thema „Konfessionsloses Christ-Sein – ein Modell für die Zukunft?“ halten durfte.

Wo haben Sie Ihre Vorlesungen bei Ihrer Tournee gehalten?

Sowohl vor Professoren und Studierenden an der Evangelischen Theologischen Fakultät als auch in Pfarrkonferenzen sowie Kirchgemeinden in Prag und auf dem Land. Letzteres war mir besonders ein Anliegen, da ich selber für viele Jahre als Pfarrer in einer Diaspora-Gemeinde abseits der urbanen Zentren diente.

Sie haben an der Theologischen Fakultät der Karls Universität
die Dankes-Medaille für Ihre langjährige Treue der Fakultät gegenüber bekommen. Was bedeutet es für Sie?

Die bei der Übergabe vom Rektor an mich gerichteten persönlichen Worte haben mich berührt und dabei auch an meinen verehrten, aus Prag stammenden und ab 1968 in Basel wirkenden Lehrer Jan Milic Lochman denken lassen. Über ihn war ich so schon in meiner Studienzeit mit der ETF in Prag verbunden, bevor ich im Rahmen meines HEKS-Auftrages dann erstmals im Juni 1987 und dann während fast 25 Jahren regelmässig auch Lehrende und Studierende dieser angesehnen Institution kennen und schätzen lernen durfte.


Sie haben eine Menge von Freunden in der EKBB. Was haben Sie in Tschechien/Prag noch erlebt? Hat es Ihnen in Prag/Tschechien gefallen?

Nach vielen Dutzenden von Reisen hierher ist jede Reise nach Tschechien wie ein Heimkommen. Für mich bedeutet ein Spaziergang durch die Stadt (am liebsten am Morgen früh oder spät in der Nacht) oder eine Fahrt über das Land jedes Mal immer wieder eine Freude. Doch ohne Gespräche mit vertrauten Menschen und neuen Begegnungen kann ich nicht sein. So habe ich vor allem für letzteres die freie Zeit genutzt.

Was für Wege sehen Sie in der weiteren Zusammenarbeit zwischen HEKS und der EKBB?

Da ich seit dem März dieses Jahres pensioniert bin, liegt es an meinem Nachfolger, Pfr. Matthias Herren, die langjährige Partnerschaft von HEKS mit Ihrer Kirche weiter zu pflegen – auf gleicher Augenhöhe und in gegenseitigem Vertrauen. – Selber darf ich seit dem Frühjahr als „Beauftragter für kirchliche Werke“ bei der GEKE (Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa) meine Berufserfahrungen und vielfältigen Beziehungen zu Kirchen und Gemeinden in Ostmittel- und Südosteuropa nutzen, um mitzuhelfen, noch wirksamer nachhaltige und tragfähige Kooperations-Strukturen für mehr Solidarität zwischen den evangelischen Kirchen in Europa zu schaffen. Ich bin sehr neugierig darauf, wie das gelingen wird.


Was wünschen Sie unseren Leserinnen und Lesern?

Die Gemeinden der EKBB lebten schon immer in der Diaspora. Ich wünsche den Leserinnen und Lesern, dass sie sich als Mitglieder dieser Gemeinden Zuversicht und Kraft schenken lassen, ihre besondere Situation nicht so sehr als defizitär zu beschreiben und sich so ständig schwach zu reden. Sondern dass sie sich auf ihre spezifischen Ressourcen und Stärken besinnen; die Aufmerksamkeit so weniger auf den sozialen Status als Diaspora-Gemeinde (Minderheit, institutionelle Schwachheit, mangelnde finanzielle Sicherheit) fixierend und mehr die missions-theologischen, ekklesiologischen Möglichkeiten (Gemeinde als communio viatorum, Gottesdienst als zentrales soziales Ereignis, Gemeinde als alternatives gemeinschaftliches Lebensmodell) entdeckend und gestaltend.

Daniela Ženatá



20.12.2011, 15:02