30.12.2015 21:27

Professor ThDr. Pavel Filipi

  Professor ThDr. Pavel Filipiverstarb in den frühen Morgenstunden des 28. Dezember 2015 im Alter von 79 Jahren in Prag. Pavel Filipi stammte aus einer Familie, die seit der Zeit des Toleranzpatents zu den Schriftgetreuen im Ort Telecíauf...
01.12.2015 15:47

Die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder hat eine neue Führung. Sie möchte Hoffnung und Vertrauen auf die Zukunft bringen

  Während eines feierlichen Gottesdienstes wurde in Prag am Samstag, den 21. November, der neue Synodalrat der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) in ihr Amt eingeführt. Sie möchte an die Tradition der böhmischen und...
12.11.2015 16:46

Wir und die Migranten

  Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. (Hebräer 13,2)   Das große Thema der in diesem Jahr geführten öffentlichen Debatten sind die Flüchtlinge, Menschen, die aus den...
22.10.2015 15:42

Gemeinsame Erklärung des Synodalrates der EKBB und der Diakonie der EKBB zur Flüchtlingskrise

  An alle Gemeinden und Predigtstationen der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder Prag, den 9. Oktober 2015   Liebe Schwestern, liebe Brüder,   den vor Gewalt und Krieg flüchtenden Menschen muss man helfen. Davon...
E-církev.cz

 

Inhalt

Einleitung..................................................................................3

I. Geschichtliche Wurzeln und die Entwicklung
vom Mittelalter bis zur ersten Vereinigung
der tschechischen Protestanten................................................5

1. Christliche Wurzeln im Spannungsfeld West-Ost............. 7

2. Magister Jan Hus und die hussitische Reformation ........ 13

3. Fortsetzung der ersten Reformation
in der Brüderunität...........................................................19

4. Begegnung mit der zweiten Reformation in Europa ....... 25

5. Die erste Vereinigung der Evangelischen
in den tschechischen Ländern ...............................................31

II. Von der Gegenreformation bis zur erneuten Vereinigung der evangelischen Konfessionen 1918....................................37

6. Die Illegalität unter der Gegenreformation .....................39

7. Die Zeit der Toleranz und der Wegzur vollen Religionsfreiheit.....................................................45

8. Die Vereinigung der evangelischen Kirchen unabhängigen Staat..........................................................51

9. Kirchenverfassung und Arbeit der vereinigten Kirche ... 57

10. Theologische und geistliche Strömungen
in der vereinigten EKBB ........................................................63

III. Neue Prüfungen und Kämpfe bis zur Wiederherstellung von Freiheit und Demokratie ................................................69

11. Neue Zerstörung der Freiheit von West und Ost........... 71

12. Beziehungen zu anderen Kirchen und ökumenische Zusammenarbeit...............................................77

13. Der Kampf um die Existenz in der Gesellschaft
unter kommunistischer Regierung.........................................83

14. Die Suche nach eigener Identität unter
den Bedingungen des Realsozialismus ..................................89

15. Die neue Situation nach der Wiederherstellung
voň Freiheit und Demokratie .................................................95

 

Einleitung

Nach der Wiederherstellung von Demokratie und Pressefreiheit im Zuge unserer gewaltfreien Revolution im November 1989 bekam ich im Frühjahr 1990 vom Syno-dalrat der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) den Auftrag, eine neue Informationsbroschüre über unsere Kirche für ausländische Besucher zu verfassen. Es handelt sich dabei bereits um die dritte, erweiterte und aktualisierte Auflage dieser Schrift, die in deutscher, und englischer Sprache über die Geschichte des tschechischen Protestantismus und insbesondere der EKBB informiert.

Die erste deutsche Auflage erschien 1968 in der Zeit des „Prager Frühlings“, und wurde in der Bundesrepublik Deutschland mit finanzieller Unterstützung der Evange­lischen Landeskirche der Pfalz gedruckt. Im Zuge der „Normalisierung“ nach dem 21. August 1968 wurde diese im Westen gedruckte Broschüre als illegale Publikation zum Gegenstand der Ermittlungen der Staatssicherheit. Der Rest der Auflage wurde im Kirchenamt unter der Hand an verläßliche ausländische Gäste verteilt. Die englische Version wurde erst im Herbst 1968 von St. Andrew Press in Edinburgh auf Kosten der Church of Scotland gedruckt. Die erste Lieferung wurde leider schon an der Grenze beschlagnahmt und fand ihr Ende im Keller des damaligen Kulturministeriums. Die übrigen Exemplare wurden von Schottland aus an die ausländischen Schwesterkirchen verschickt.

Eine Neuauflage wurde erst nach langen Verhandlungen mit den staatlichen Stellen im Jahre 1985 möglich, als die Normalisierungspolitik etwas liberaler und die Kontakte mit den ausländischen Kirchen erleichtert wurden. Der neue Text wurde jedoch durch die staatlichen Aufsichtsorgane streng zensiert. Beide Übersetzungen wurden damals in der Pfalz gedruckt: die deutsche auf Kosten des Gustav-Adolf-Werks, die englische auf Kosten der Kirchen in den Niederlanden und Schottland. Auch diese zweite Auflage wurde von Pfarrer J. Zejfart - dem kurz zuvor die staatliche Genehmigung zum kirchlichen Dienst entzogen wurde - einfallsreich illustriert.

In der vorliegenden dritten Auflage, die sachlich erwei­tert und geschichtlich bis zum Umbruch 1989/90 weitergeführt wurde, geht es mir in erster Linie darum, unsere Kirche als die erste vereinigte Kirche in „Mitte­leuropa“ darzustellen. Sie bietet keine ausführliche chronologische Darstellung, sondern vielmehr einen Abriss der wichtigsten Etappen in der geistesgeschichtlichen Entwicklung des tschechischen Volkes bis in die jüngste Zeit.

Den dritten Teil der Schrift über das kirchliche Leben unter den schwierigen politischen Bedingungen habe ich auf Grund meiner mehr als fünfundzwanzigjährigen Tätigkeit in der Kirchenleitung verfasst. Die letzten Kapitel sind leider nur mit dem zeitlichen Abstand einiger Monate, jedoch nach erneutem Studium vieler Materialien und geleitet vom Bemühen um objektive Einschätzung der bewegten Ereignisse, geschrieben.

Praha 1990

Jiří Otter

 

I. Geschichtliche Wurzeln und die Entwicklung vom Mittelalter bis zur ersten Vereinigung der tschechischen Protestanten

 

1. Christliche geschichtliche Wurzeln im Spannungsfeld West-Ost

845-1391

Nicht nur geographisch, sondern auch geistesgeschichtlich liegen die tschechischen Länder – Böhmen, Mähren und Schlesien – auf einem wichtigen Kreuzweg zwischen West und Ost. Das hat ihre gesamte Geschichte gekennzeichnet. Auch ihre Christianisierung erfolgte, bald nach der Befreiung des slawischen Gebiets von der Herrschaft der Awaren, aus diesen beiden Richtungen. Schon 845 wurden vierzehn böhmische Stammesfürsten in Regensburg getauft. Seitdem dehnten die westlichen Missionare ihre Tätigkeit immer weiter aus und führten dabei auch die lateinische Liturgie ein. Dadurch kam das Land zugleich unter den kulturpolitischen Einfluß der deutschen Franken.

Um diesen fremden westlichen Einfluss zu begrenzen, rief der großmährische Herzog Rastislav östliche griechische Missionare in sein Reich und leitete so engere Kontakte zur Ostkirche ein. Es waren zwei slawische Brüder, Konstantin (später Kyrill genannt) und Method, die aus Thessaloniki in Mazedonien stammten. Als sie 863 nach Mähren kamen, schufen sie für die slawische Bevölkerung eine neue, der einheimischen Sprache angepasste Schrift – die glagolitische oder auch kyrillische Schrift – und übersetzten die wichtigsten Teile der Bibel in die altslawische, für das Volk leicht verständliche Sprache. Im Gottesdienst führten sie die altslawische Liturgie ein. So begründeten sie zugleich das slawische Schrifttum. Die altslawische Schrift wurde später bei den orthodoxen Slawen – Russen, Ukrainern, Serben und Bulgaren - weiterentwickelt. In Böhmen konnte sich jedoch nach Methods Tod im Jahr 885 die von Bayern ausgehende westliche Mission durchsetzen.

Als das Großmährische Reich infolge der ungarischen Invasion (903-906) zerfiel, gerieten die tschechischen Länder in Abhängigkeit von Rom und damit unter den vorherrschenden Einfluss der deutsch-lateinischen westlichen Kultur. Die Slowakei, die ebenfalls zum Großmährischen Reich gehört hatte, kam unter ungarische Herrschaft.

Zu Beginn des 10. Jahrhunderts war der böhmische Fürst Václav (Wenzel) aus der Dynastie der Přemysliden ein bedeutender Vertreter tiefer westlicher Frömmigkeit. Von seinem Bruder Boleslav am 29. September 935 aus innenpolitischen Gründen ermordet, wurde er bald als ein Heiliger verehrt und später zum Patron des tschechischen Volkes. 973 wurde das Prager Bistum gegründet. Durch den zweiten Prager Bischof Vojtěch (Adalbert) konnte die christliche Mission von Böhmen aus noch weiter ostwärts bis nach Polen vordringen. Vojtěch fand im Jahr 997 bei der Bekehrung der heidnischen Ostpreußen den Märtyrertod.

Zu den wichtigsten Persönlichkeiten der mittel­alterlichen Christenheit gehört auch die Přemyslidenfürstin Anežka (Agnes), die zweite Tochter des böhmischen Königs Ottokar, die sich dem franziskanischen Armutsideal verpflichtete und 1234 das Prager Kloster der Klarissinnen gründete.

Eine herausragende historische Persönlichkeit des ausgehenden Mittelalters war der fromme christliche König und Kaiser Karl IV. aus der Dynastie der Luxemburger – seine Mutter Eliška (Elisabeth) war eine Přemyslidin. Er machte Prag zu einer bedeutenden Handelsmetropole und zu einem berühmten Kulturzentrum. 1348 gründete er hier die erste Universität in Mitteleuropa. Während seiner Regierung wurde Prag zur drittgrößten Stadt Europas. Zahlreiche bedeutende Kunstschätze und Bauwerke des „Goldenen Prag“ stammen aus dieser Zeit. Böhmen gehörte damals zu den am höchsten entwickelten Ländern des christlichen Abendlandes.

1344 wurde das Prager Erzbistum eingerichtet und Arnošt (Ernst) von Pardubice zum Erzbischof ernannt. In der folgenden Zeit entstanden in den tschechischen Ländern neue Reformströmungen und Bewegungen, die dem Verfall der römischen Kirche mit einer geistlichen Erneuerung begegnen wollten. Ihre geistigen Führer waren vor allem Konrad Waldhauser, deutscher Prediger in Prag, Tomáš (Thomas) von Štítné, südböhmischer Landadliger, Verfasser von tschechischen religiösen Schriften, Jan Milič von Kroměříž, tschechischer Prediger und Kämpfer für moralische und soziale Reform, und Matěj von Janov, tschechischer Theologe eschatologischer Richtung. Diese Reformbemühungen erhielten 1391 ein geistliches Zentrum, als zur Förderung der tschechischen Predigt die Prager Bethlehem-Kapelle gegründet wurde. Anfang des 15. Jahrhunderts mündeten sie schließlich in die hussitische Bewegung und die hussitische Reformation – die erste Reformation in Europa.

Die großen Irrwege, auf die die mittelalterliche Kirche geraten war, konnten nicht mehr anders als mit einem radikalen Schnitt geheilt werden. Dazu kam es jedoch nicht überstürzt. Bevor sich die Reformatoren dazu durchrangen versuchten sie eine mildere Methode, die damals viele vorschlugen, die nicht mehr daran glaubten, dass der Papst den Willen und die Fähigkeit hat, die Kirche aus ihrem moralischen Verfall herauszuführen. Sie setzten ihre Hoffnung auf ein Konzil, das die Besserung garantieren sollte. Eine solche Versammlung hoher kirchlicher Würdenträger war jedoch nicht einmal in der Lage zu erkennen, dass sich die Kirche wirklich reformieren muss, um ihre eigentliche Aufgabe zu erfüllen. Sie dachte nicht daran, dass erst aus dem von Christus erneuerten Volk, ein Priestertum neuen Typs entsteht, von dem eine Heilung an Haupt und Gliedern erwartet werden kann. Darum bezog die Reformation Position gegen den Papst und das Konzil. Sie erwartete von ihnen nichts Gutes und enthüllte auf Grundlage der Schrift ihren antichristlichen Charakter. Diese erste Reformation müssen wir nicht in Anführungszeichen setzen also ob sie keine echte Reformation gewesen wäre. Denn gegenüber den sogenannten Weltreformationen war sie bereit dem armen Christus nachzufolgen und der Macht und kultureller Anerkennung zu entsagen. Sie erfüllte das Kriterium einer echten Reformation: sie wurde durchgeführt ohne Rücksicht auf Opfer, auch Leben wurden für den künftigen Sieg der Wahrheit geopfert.

 

„Darum als ich gesehen habe, dass viele immer und überall Überreste und Knochen der verschiedensten Heiligen zu ihrem Schutz und aus eigentümlicher Frömmigkeit mit sich herum tragen, habe ich die Bibel gewählt, meine auserkorene und Begleiterin auf allen Wegen, damit ich sie immer bei mir trüge und stets an meiner Seite hätte zu meinem Schutz und ständigen Trost in Bedrängnis. Denn ich halte es für nützlicher die Worte und Lehren der heiligen Propheten und Christi und der Apostel und Evangelisten immer bei mir zu haben, die heilsam in allem ermahnen und mit mir milde sprechen, als ihre Knochen oder ähnliche tote Dinge.“

Matěj von Janov, Regeln des Alten und Neuen Testaments, 1388

 

Der barmherzige Herr, der für seine Gottesfürchtigen die heilsame Speise im Samen seines Worte hinterließ, beschloß, daß sein Wort nicht gefesselt, sondern in seiner Kirche frei verkündigt werden soll.

Diese Kapelle wurde also nach Bethlehem, was „Haus des Brotes“ heißt, genannt, weil hier das gemeine Volk und die Treuen Christi durch das Brot der heiligen Predigt gesättigt werden sollen.“

Aus der Stiftungsurkunde der Prager Bethlehem - Kapelle vom 24. Mai 1391

„Treuer Christ, suche die Wahrheit, höre die Wahrheit, lerne die Wahrheit, liebe die Wahrheit, sage die Wahrheit, halte die Wahrheit, verteidige die Wahrheit bis zum Tod; denn die Wahrheit wird dich von der Sünde, vom Satan, vom Seelentod und endlich vom ewigen Tod befreien.“

Das Motto der Predigten von Jan Hus in der Bethlehem-Kapelle nach seiner „Glaubenserklärung“.

 

2. Magister Jan Hus und die hussitische Reformation 1402-1434

Im Jahre 1402 wurde Magister Jan Hus, seit 1396 Professor an der Karls-Universität, zum Verwalter und Prediger der Bethlehem-Kapelle. Bald gelangte er an die Spitze der tschechischen Reformbestrebungen. Als beliebter volkstümlicher Prediger und Förderer des tschechischen geistlichen Gesangs hatte er großen Einfluss auf breite Volksschichten und auf die weitere Radikalisierung der Reformbewegung. Als Philosoph und Theologe, der vom Bakkalaureus bis zum Rektor der Prager Universität aufgestiegen war, sympathisierte er mit den Reformtendenzen des englischen Reformers John Wiclif, nach dessen Vorbild er sich besonders um eine bessere Erkenntnis der Bibel und um die Erneuerung der zeitgenössischen Kirche bemühte.

Schon 1412 trat Hus - wie hundert Jahre später auch Martin Luther - öffentlich gegen den päpstlichen Ablasshandel gegen den verbreiteten Kauf der geistlichen Ämter und gegen die allgemeine Korruption der römischen Kirche auf. Er wurde vom Papst exkommuniziert und erhielt in Prag Predigtverbot. Zwei Jahre lang lebte er im Exil auf dem Lande, wo er auf großen Volksversammlungen predigte und zugleich eine reiche schriftstellerische Tätigkeit entfaltete. Hier verfasste er unter anderem auch sein Hauptwerk De ecclesia (Über die Kirche), in dem er sich sehr kritisch zum Papsttum äußerte. Seine Predigten und geistlichen Schriften zeugen von einem tiefen biblischen Glauben, der dem Wort Christi in allen Lebensbereichen gehorsam ist. Wegen seiner Treue zur erkannten Wahrheit des Evangeliums wurde Magister Jan Hus vom kirchlichen Konzil in Konstanz als Ketzer verurteilt und am 6. Juli 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Mag. Jan Hus und seine Nachfolger Mag. Jeronym (Hieronymus) von Prag, der als Verteidiger von Hus 1416 ebenfalls in Konstanz verbrannt wurde, Mag. Jakoubek (Jacobellus) von Stříbro, Nachfolger von Hus in der Bethlehem-Kapelle und im Rektorat der Universität, Mag.Mikuláš (Nikolaus) von Pelhřimov, der erste gewählte hussitische Bischof und Verfasser der berühmten Confessio, später Petr von Chelčice, der kritische Denker und Wegbereiter eines Kampfes mit rein geistlichen Waffen, sowie Mag. Jan Rokycana, der erste hussitische Erzbischof, bedeutende Theologe und Prediger in der Prager Tein-Kirche, waren in ihrem Ringen um den wahren Gottesgehorsam nicht weniger bibeltreu und reformatorisch radikal als die späteren Vertreter der deutschen und schweizerischen Reformation. Ebenso wie sie versuchten sie, die mittelalterliche institutionelle Kirche dem Wort Gottes unterzuordnen und sie nach dem biblischen Vorbild zu laizisieren und zu demokratisieren. Besondere Bedeutung gewann dann ihre Forderung, nicht nur die Kirche selbst, sondern darüberhinaus die ganze Gesellschaft der Königsherrschaft Christi zu unterstellen. Aus diesen Gründen kann die hussitische Reformbewegung und Revolution als die erste Reformation in Europa angesehen werden.

Der Kern des hussitischen Reformprogramms wurde in den Vier Prager Artikeln von 1420 formuliert: 1. Freie Verkündigung des Wortes Gottes durch wahre christliche Priester, 2. Austeilung des Heiligen Abendmahls nach der Bestimmung Christi unter beiderlei Gestalt (Laienkelch) 3. Verzicht des Klerus auf weltliche Macht und weltlichen Besitz, 4. Öffentliche Bestrafung aller Todsünden, auch bei den Angehörigen des Klerus.

Wegen des 2. Artikels wurden die Hussiten auch Kelchner, später Utraquisten (lateinisch: „unter beiderlei“) genannt. Im Jahre 1414 wurde zum ersten Mal das Heilige Abendmahl mit dem Laienkelch - „unter beiderlei“ gefeiert. Das geschah mit ausdrücklicher Zustimmung von Hus aus Konstanz in der Prager Kirche St. Martin-in-der-Mauer. Der Kelch wurde dann zum Symbol der hussitischen Reformation. In ihrer theologischen Lehre war diese stark eschatologisch geprägt. In einer neu gegründeten Stadtfestung Tábor – benannt nach dem biblischen Berg Tabor - entstand nach altem urchristlichen Vorbild eine neue gesellschaftliche Ordnung mit gleichen Rechten für alle und brüderlicher Gütergemeinschaft.

Seitens der damaligen geistlichen und weltlichen Macht stießen die hussitischen Reformen auf starken Widerstand und ihre Anhänger mussten sich lange Jahre (1420-1431) gegen die Angriffe der päpstlichen Kriegsmacht wehren. Die von dem Feldherren Jan Žižka aus Trocnov und dem Priester Prokop Holý geführten hussitischen nur sehr leicht bewaffneten Volksheere errangen eindrucksvolle Siege gegen die Übermacht der Kreuzritter aus ganz Europa und zwangen endlich die römische Kurie, mit den „tschechischen Ketzern“ zu verhandeln. Fast das ganze Land wurde damals hussitisch. Auf dem Baseler Konzil 1433 wurden nach vielen langen Diskussionen die hussitischen Hauptforderungen als Compactata (lat.: Verabredung) gebilligt.

In der Folgezeit gerieten die beiden Hauptrichtungen der Hussiten - die radikalen Taboriten und die gemäßigten Prager oder Utraquisten - in geistlichen und politischen Streit, der in einen tragischen Bruderkrieg mündete und schließlich 1434 in der Schlacht bei Lipany gipfelte. Die siegreiche Partei der Utraquisten schloss ein neues Abkommen mit Rom, das von den alten Reformforderungen nur noch den Laienkelch enthielt. Die theologische Linie des klassischen Hussitentums wurde in der bedeutenden Taboritischen Konfession von 1431 umschrieben.

„Kein Papst ist in dieser katholischen Kirche Person von allerhöchster Würde außer Christus; also gibt es auch kein Haupt dieser katholischen Kirche außer Christus.“

Magister Jan Hus im Traktat De ecclesia (Über die Kirche) von 1413

„Ihr Treuen und von Gott Geliebten! Ich bitte und ermahne euch, dass ihr Gott den Herrn liebt, sein Wort lobt, es mit Freude hört und ihm folgt. Ich bitte euch, dass ihr an der Wahrheit Gottes, die ich euch aus den heiligen Worten des Gesetzes Gottes geschrieben und gepredigt habe, festhaltet. - Diesen Brief schrieb ich im Gefängnis, in Erwartung meines Todesurteils, doch im vollen Vertrauen auf Gott, dass ich von seiner Wahrheit nicht weiche.“

Magister Jan Hus in seinem letzten Brief „An alle treuen Tschechen“ vom 10. Juni 1415

„Während die römischen Priester in ihrem ganzem Leben nicht einmal das Neue Testament gelesen haben, ist in dieser hussitischen Stadt kaum eine Frau zu finden, die nach den Büchern des Alten und Neuen Testaments nicht versiert Auskunft geben könnte.“

Kardinal Aeneas Sylvio Piccolomini über seinen Besuch in der hussitischen Stadt Tábor im Jahr 1451, zit. n. F. Palacký, Geschichte des tschechischen Volkes in Böhmen und Mähren, Bd. II, S. 214.

„Hussens Bedeutung liegt darin, dass er ein deutlich vernehmbarer Sprecher des reformatorischen Programms war, für dessen Umsetzung sich nicht nur das böhmische Bürgertum und das Landvolk, sondern auch ein bedeutender Teil der Geistlichkeit und des Adels vereinigten. Seinem Kampf um die Erneuerung der Kirche opferte er sein Leben.“

 

A. Molnár, „Slovem obnovená“ (durch das Wort erneuert), S. 29

Das Innere der Prager hussitischen Kirche Martin-in-der-Mauer, wo 1414 zum ersten Mal das Abendmahl unter beiderlei Gestalt gefeiert wurde (Die Kirche wurde 1981 renoviert)


3. Fortsetzung der ersten Reformation in der Brüderunität 1457-1575

Die hussitische Frühphase der tschechischen Reforma­tion fand ihre Fortsetzung in der brüderischen Reformation. Unter den radikal-hussitischen Kreisen, die sich mit dem Zurückweichen vor Rom nicht abfinden wollten, wuchs in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts unter der Regierung des hussitischen Königs Jiří (Georg) von Poděbrady eine neue Generation von Reformern heran: die Brüderunität (Unitas fratrum).

Die Gruppen aufrichtiger Gottessucher und Nachfolger Christi, die durch die Schriften des südböhmischen Denkers und Schriftstellers Petr von Chelčice und durch die Predigten des hussitischen Prager Erzbischofs Jan Rokycana beeinflusst waren, siedelten sich 1457 im abge­legenen ostböhmischen Dorf Kunvald bei Žamberk an, um dort im Sinne des Evangeliums eine wirklich christliche, nach dem apostolischen Vorbild gestaltete brüderische Gemeinde zu bilden. Zu ihren geistlichen Führern wurden der Klosterbruder Řehoř (Gregor) von Prag und der hussi­tische Priester Michal von Žamberk.

Im Gegensatz zu den hussitischen „Gotteskämpfern“ versuchten sie als „Volk ohne Schwert“ voller Glaubensgehorsam, in treuer und kompromissloser Nachfolge Jesu Christi – des „stillen Königs“ und des „Gotteslamms“ - zu leben und dem „schmalen Weg“ zu folgen. Nach den ersten zehn Jahren entschlossen sich die Brüder, auch die letzten Bindungen an die verweltlichte hussitische Kirche zu lösen und wählten ihre eigenen Priester, die durch Vermittlung der Waldenser geweiht wurden. Erster gewählter Priester der Unität wurde Matěj von Kunvald.

 

 

In der langen Reihe der brüderischen Hirten und Theo­logen waren die bedeutendsten Lukáš von Prag, Theologe und großartiger Organisator der Unität, Jan Augusta, später vom Luthertum beeinflusster Liederdichter und Theologe, Jan Blahoslav, Theologe, Schriftsteller, Liederdichter und Übersetzer des Neuen Testaments sowie Jiří (Georg) Strejc, Psalmendichter und Theologe reformierter Richtung.

Die Brüderunität markiert den Höhepunkt der tschechischen Reformation, obwohl sie nur eine geringe Minderheit des Volkes erfasste und obwohl sie während ihres gesamten Bestehens von der staatlichen und kirchlichen Obrigkeit verfolgt wurde. Mit ihrem vorbildlichen christlichen Leben, und ihren bedeutenden theologischen und kulturellen Leistungen, etwa der Kralitzer Bibel – einer neuen tschechischen Bibe­lübersetzung aus den ursprünglichen Sprachen, 1579-1593 in sechs Bänden herausgegeben – und mehreren Ausgaben von Bekenntnisschriften, Katechismen, Gesangbüchern und Kirchenordnungen, bildet die Brüderunität das eindrucksvollste Phänomen des tschechischen Geistesle­bens im 16. und 17. Jahrhundert.

Durch strenges Einhalten der Kirchenzucht und besonders durch die Einführung fester Kirchenordnungen näherte sich die Brüderunität immer mehr dem kalvinistischen Kirchenverständnis und seiner Theologie der Königsherrschaft Christi über alle Lebensbereiche. Die Grundkonzeption der brüderischen Kirchengemeinschaft fand in einer lateinischen Losung ihren treffenden Ausdruck: „In principiis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas“ (In den Grundprinzipien Einheit, im Zweifel Freiheit, in allen Dingen Liebe).

Zum Weltruhm der alten Unität und der ersten Reforma­tion in Europa hat nicht zuletzt der letzte tschechische brüderische Senior (Bischof) Jan Amos Komenský (Comenius), 1592-1670, beigetragen. Der bald in der ganzen Welt geschätzte Pädagoge, Wissenschaftler und Friedensstifter verbrachte während der Zeit der Gegenreformation sein halbes Leben im Exil. Als guter Hirte seiner kleinen zerstreuten Herde der Brüderunität kämpfte er unermüdlich für die religiöse Freiheit seiner Glaubensbrüder. Dank seiner ausge­zeichneten pädagogischen und linguistischen Arbeiten gewann er den Ruf eines „Lehrers der Völker“, und als Enzyklopädist war er eine der berühmtesten Persönlichkei­ten seiner Zeit. Seine Vision einer künftigen christlichen ökumenischen Vereinigung und einer neuen friedlichen Völkergemeinschaft machte Comenius zum Wegbereiter der Neuzeit. Sein geistliches Vermächtnis blieb lange überaus aktuell, besonders im Hinblick auf sein letztes pansophisches Werk, die „Allgemeine Beratung über Wiedergutmachung der menschlichen Dinge“ von 1662. Der sechste Abschnitt dieses Werkes – „Panorthosia“ – enthält seine praktischen Vorschläge zur Besserung der zwischenmenschlichen Beziehungen im Bereich der Reli­gion, Philosophie, Wissenschaft und Politik. In der Zeit des Dreisigjährigen Kriegs, mitten im „Labyrinth der Welt“ seines Exils zeigte Comenius seinem Volk sehr deutlich das „Paradies des Herzens“.

Den Beginn zur Erneuerung der Kirche und der Welt sah Comenius in der persönlichen Bekehrung und Buße aller Christen. Am ergreifendsten hat er dies im „Vermächtnis der sterbenden Mutter Brüderunität“, das 1650 herausgegeben wurde, ausgedrückt: Bekehrung und neue Treue sind der einzige Weg zu einer besseren Zukunft. Auf diesen Weg verweist er alle evangelischen Unitäten. Die römische Unität ermahnt er, aus der Dunkelheit des Götzendienstes herauszutreten – sonst prophezeit er ihr ein beißendes schlechtes Gewissen und die Strafe für ihre Verdorbenheit. Seine Vorstellung über eine Besserung aller Dinge verband er später mit der chiliastischen Auslegung der Vision im Buch der Offenbarung. Aber trotz seiner glühenden eschatologischen Erwartung des Reiches Christi, in dem unser Glaube und unser Leben vollendet werden, lenkt Comenius unseren Blick auf die irdischen Aufgaben, bei denen wir Hand anlegen, den Kopf gebrauchen und auf das Herz hören sollen.

Die unerschütterliche Gewissheit, dass Christus nicht nur der Gekreuzigte und der Auferstandene, sondern auch der Kommende ist, half Comenius, auch in den gefährlichsten Augenblicken und Prüfungen nicht zu verzagen. Durch sein umfangreiches Werk hat Comenius die brüderische Theologie weiterentwickelt und sich um die Verbreitung der gedanklichen und praktischen Seiten der tschechischen Reformation in der ganzen damaligen Welt verdient gemacht.

 

Der erste ordinierte Priester der Brüderunität Br. Matthias (Matěj aus Kunvald) verfasste für die Brüdersynode in Lhotka bei Reichenau 1467 ein Danklied, das zum Ordinationslied der Unität wurde. Die deutsche Übersetzung veröffenlichte Br. M. Weisse in seinem Gesangbuch von 1531:

 

„Freuen wir uns all in ein,
geben Lob und Preis allein
Gott dem Vater und dem Sohn,
Zugleichder dritten Person.

 

Denn er hat Barmherzigkeit
Zur Zeit grosser Fährlichkeit
uns bewist und sein Gesetz
geschrieben in unser Herz.

 

Auch hat er in seiner Kraft
treue Diener uns verschafft.
O Herr, hilf uns mit deiner Gnad,
dass dein Werk ein Fortgang hab.

 

Die Schulen sollen nicht nur Werkstätten der Menschlichkeit und Vorspiel des ganzen Lebens werden, sondern auch das, was Gottes Zielsetzung verlangt: Werkstätten, der himmlischen Weisheit, Paradies der Kirche und Vorspiel der Ewigkeit selbst,“

Jan Amos Komenský in der Einleitung zur Großen Didaktik von 1657

 

Tatsächlich verleiht Comenius vielem aus dem Reichtum der Unität und allgemein der böhmischen Reformation starken Ausdruck. In ihrem Geist hat er sich ganz auf die Schrift konzentriert. Seine Werke sind von der Schrift erstaunlich durchdrungen. Die Bibel ist für Comenius die einzige Glaubensquelle und Lebensregel. Die Kirche muss auf Gottes Wort stehen und treu auf es hören, nicht aber über es herrschen. Wie schade, dass sich Comenius nicht auch in der Hoffnung so fest von der Schrift leiten ließ wie im Glauben und in der Liebe.

Rudolf Říčan, Od úsvitu reformace k dnešku (Von der Dämmerung der Reformation bis heute), 1947, S. 193

4. Begegnung mit der zweiten Reformation in Europa 1517-1575

Nach hundert Jahren kam der tschechischen Reformation die deutsche brüderlich zu Hilfe. Die Späthussiten sahen bald in Martin Luther und Philipp Melanchthon ihre evangelischen Glaubensbrüder und wichtigen Verbünde­ten. Luther stellte sich schon in seiner Leipziger Disputation von 1519, bei der auch einige Tschechen zugegen waren, ganz unverhüllt auf die Seite der Hussiten. Sie erkannten in ihm einen Nachfolger von Jan Hus. Besonders hohe Anerkennung erfuhr bei ihnen Luthers Aussage, dass „Hus widerrechtlich verbrannt wurde und dass die Hussiten gute Christen sind“. Die Schriften von Hus und anderen hussitischen Theologen wurden in Deutschland gedruckt, während Luthers Bücher ins Tschechische übersetzt wurden. Die hussitischen Studenten wurden auch an den deutschen evangelischen Universitäten ausgebildet. Thomas Müntzer wurde 1521, noch als Anhänger von Luther, freundlich in Prag begrüßt, als er mit seinem Mani­fest die Böhmischen Brüder zu gewinnen hoffte.

Die konsequenten Späthussiten, die mit den Kompaktaten, von denen nur noch der Laienkelch in Geltung stand, völlig unzufrieden waren, konnten sich mit Luthers Hilfe auf die ursprüngliche hussitische Grundlinie besinnen: sich in allem nach dem Wort Gottes in der Heiligen Schrift zu richten. Auch Luthers evangelische Rechtfertigungslehre fand in der hussitischen Kirche immer größeren Zuspruch, so dass sich gegen Mitte des 16. Jahrhunderts die lutherisch orientierten Hussiten von den althussitischen Utraquisten trennten und eine eigene neo-utraquistische Kirche gründeten.

Die Böhmischen Brüder hörten in Luthers Botschaft des befreienden Evangeliums ebenfalls sehr verwandte Akzente. Andererseits fand bei Luther und Melanchthon die lateinische Apologie der Heiligen Schrift von Lukáš von Prag sehr freundliche Aufnahme. Die Beziehungen der Brüderunität zum deutschen Reformator entwickelten sich anfangs nur vorsichtig und zögernd, später aber sehr freundschaftlich. Weil die Brüder den Gehorsam des göttlichen Gesetzes und des Evangeliums, das praktische Leben aus dem Glauben und die konsequente Kirchenzucht in den Vordergrund rückten, konnten sie Luthers Auffassung von der christlichen Freiheit nicht einschränkungslos teilen. Auch über die Frage des Abendmahlsverständnisses führten sie mit Luther in einer langen Reihe von Briefen theologische Dispute. Nachdem sich Luther später anerkennend über die brüderische Christologie und brüderische Kirchenzucht ausgesprochen hatte, wurden die Streitigkeiten mit dem beiderseitigen Wunsch beigelegt, man möge den jeweils eigenen Weg gehen und solle einander mit den von Gott verliehenen Gaben dienen.

Die Ausbreitung des Luthertums in Deutschland und Nordeuropa ermutigte die Brüder zu furchtloserem öffentlichem Auftreten im eigenen Land. Bald nach dem Erscheinen der Augsburgischen Konfession 1530 prokla­mierten sie 1535 ihre Brüderische Konfession, deren lateinische Ausgabe Luther 1538 selbst besorgte und mit einer empfehlenden Einleitung versah.

Nach Luthers Tod knüpften die Brüder auch engere Kontakte zur oberdeutschen und schweizerischen Reforma­tion, namentlich mit Huldrych Zwingli in Zürich, Martin Bucer in Straßburg und Jean Calvin in Genf. Ihre schlichte reformierte Lehre und presbyterianische Verfassung stand ihnen ohnehin sehr nahe. Calvin erinnert in seinem Traktat gegen das päpstliche Mahnschreiben an Kaiser Karl V. an den Konstanzer Prozess, in dem er Hussens grausames Schicksal als Beweis für die andauernde römische Treu­losigkeit anführt.

Auch gegenüber der schweizerischen Reformation bewahrte sich die Brüderunität ihre Identität. Sie blieb jedoch eine Priesterkirche und hatte Angst einen Teil der Kirchenverwaltung Laien anzuvertrauen. Ihre Priorität bestand darin, dass sie im Evangelium die stille und gütige Stimme Christi hörte. Ihre Frömmigkeit war stiller und inbrünstiger. Eines jedoch erhebt sie hervor aus der Menge aller christlichen Kirchen: sie lehnte jegliche Art von Gewalt in Glaubensdingen ab und bewahrte sich hier einen blanken Schild.

Auch das Liedgut der beiden Reformationen wurde später wechselseitig übernommen. Die deutschen evange­lischen Lieder wurden in tschechische Gesangbücher übersetzt, und eine Reihe tschechischer Liedtexte und Melodien fanden den Weg in deutsche Gesangbücher. Die Brüderunität hatte nämlich längst auch deutsche Gemeinden, für die sie deutsche Gesangbücher herausgab. Bis heute sehr beliebt sind etwa die Lieder von Michael Weisse, der als deutscher Prediger der Brüderunität in Ostböhmen wirkte, oder das Lied „Sonne der Gerechtigkeit“ von Christian David, der später mit den deutschsprachigen mährischen Brüdern nach Herrnhut auswanderte und dort am Aufbau der erneuerten Brüderunität mitwirkte.

Die regen Kontakte zu den Kirchen der zweiten Reforma­tion haben der Brüderunität geholfen, manch schwere Zeiten der Verfolgung zu überstehen. Schließlich konnte sie sich bis nach Polen ausbreiten, wo sie sogar an die Spitze der dortigen protestantischen Minderheit gelangte.

 

„Unwissend, waren wir alle Hussiten - ich und Melanchthon und viele andere. Wir waren Hussiten, ohne uns dessen bewusst zu sein.“

Martin Luther in seinem Brief an Spalatin, 1529

„Für römische Treulosigkeit haben wir ein einzigartiges Dokument im Fall von Johannes Hus, den die Römischen grausam ermordet haben, nachdem sie ihn unter dem falschen Versprechen eines sicheren Geleits nach Konstanz in die Falle lockten. Aber heute leben wir in einer anderen Zeit. Die Welt, die damals noch blind war, ist sehend geworden. In den Gemütern der Deutschen ist die Erinnerung noch lebendig geblieben, die die damalige Schandtat ins Gedächtnis ruft.“

Jean Calvin im „Traktat gegen väterliche Ermahnung vom Papst Paul III. an Kaiser Karl V.“ von 1541

 

Bei diesen Brüdern habe ich dieses große Wunder gefunden, dass sie die menschlichen Lehren verlassen haben und bis zum Gründlichsten nach den Weisungen des Herrn bei Tag und Nacht fragen; und dass sie in den heiligen Schriften gelehrt sind. Deswegen empfehle ich diese ihre Konfession allen guten Menschen.“

Martin Luther in seiner Vorrede zur Wittenberger latei­nischen Ausgabe der Brüderischen Konfession von 1538

 

5. Die erste Vereinigung der Evangelischen in den tschechischen Ländern 1575-1620

Die Reformation in Europa bedeutete in ihrer Konse­quenz die Loslösung von der herrschenden römisch-katholischen Kirche. Leider war aber auch die Reformation selbst aus geschichtlichen, geographischen und theologischen Gründen von Anfang an in mehrere Richtungen gespalten. Wenn es in den tschechischen Ländern trotzdem schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu einer ersten Vereinigung der Konfessionen kam, dann eher unter dem Druck der gegenreformatorischen Bedrohung von außen als aufgrund innerer ökumenischer Bemühungen.

Das protestantische Lager in Böhmen und Mähren zerfiel damals in drei Hauptrichtungen: 1. die hussitische utraquistische Kirche, die sich in die konservativen Alt-Utraquisten und progressiven Neo-Utraquisten teilte, 2. die lutherische Kirche, zu der vor allem Deutsche gehörten, und 3. die Brüderunität, die ebenfalls deutschsprachige Gemeinden besaß. Unter der Regierung der katholischen Habsburger – seit Kaiser Ferdinand I, 1526 – verstärkte die römische Kirche ihre gegenreformatorische Aktivität, obwohl die katholische Partei im Landtag nur über 13% der Sitze verfügte. Die evangelischen Adligen im Böhmischen Königreich, die den verschiedenen protestantischen Kirchen angehörten, konnten nur durch gemeinsame Anstrengungen dem katholischen Druck widerstehen. Durch taktisches Vorgehen versuchten sie zunächst, die Rekatholisierungsbestrebungen der Regierenden zu bremsen und die religiöse Freiheit auf der Grundlage der hussitischen Kompaktaten im Lande zu bewahren. Später forderten die radikalen Evangelischen dann sogar die Streichung der Kompaktaten aus den Landesgesetzen, weil sie in ihnen nun eher ein Hindernis für die wahre Reformation sahen.

Um dem wachsenden, mit Hilfe der Jesuiten zusätzlich verstärkten katholischen Druck besser widerstehen zu können, verbündeten sich die böhmischen Protestanten. Dazu mussten sie auch in Glaubens- und Bekenntnisfragen ihre geistige Einheit manifestieren. Auf dem Landtag von 1575 forderten sie die Lösung der religiösen Frage durch kaiserliche Anerkennung einer neuen gemeinsamen protestantischen Konfession und Kirchenordnung.

Für das neue Bekenntnis wurde eine theologische Kommission gewählt, in der alle Konfessionsrichtungen vertreten waren. Die Confessio Bohemica (Böhmische Konfession) von 1575 wurde nach dem Muster der Augsburgischen Konfession verfasst, zugleich knüpfte sie aber an die hussitischen Vier Prager Artikel und Syno­dalbeschlüsse, stellenweise auch an die Zweite Helvetische Konfession und den Heidelberger Katechismus an, was auch der theologischen Richtung der Brüderunität entsprach. Neben den klassischen reformatorischen Arti­keln – sola gratia, sola fide, sola scriptura – gelang es den Autoren dieser gemeinsamen Bekenntnisschrift doch auch, die besonderen Akzente der heimischen Reformation zum Ausdruck zu bringen: Auf der hussitischen Linie liegt die Betonung der „Früchte des Glaubens“, die durch ein wahres christliches Leben zu erbringen sind, auf der brüderischen Linie darüber hinaus die Anerkennung der Kirchenzucht und das Tragen des Kreuzes in der gehorsamen Nachfolge Christi als Kennzeichen der wahren Kirche.

Der Genauigkeit halber muss gesagt werden, dass sich die Böhmische Konfession aus diplomatischen Gründen an die lutherische Konfession anlehnte. Der fruchtbare Boden, aus dem sie hauptsächlich erwachsen war, waren Gespräche, die die Hussiten innerhalb ihrer Bewegung führten, sowie mit der Brüderunität und der europäischen Reformation. Diesem Charakter der Böhmischen Konfession ist es zu verdanken, dass die tschechischen Evangelischen gegen theologische Erstarrung oder Konfessionsstolz gewappnet waren und ökumenisch offen blieben. Es überrascht nicht, dass sich die tschechische evangelische Kirche später zu vier Konfessionen bekennt: dem Brüderbekenntnis, der Böhmischen Konfession, dem lutherischen und dem helvetischen Bekenntnis.

Die ökumenische Offenheit der Confession Bohemica war auch Ausdruck der Erkenntnis, dass der Glauben geschenkt ist. Niemand kann zum Glauben gezwungen werden. Neben der religiösen Toleranz trug die Böhmischen Konfession auch zur nationalen Toleranz bei. Es ist kein Zufall, dass man in dieser Zeit lebendige Verbindungen zwischen tschechischen und slowakischen Evangelischen feststellen kann. Die Confessio Bohemica stellt also als ein europäisches früh-ökumenisches Dokument einen ehrlichen und konfessionell versöhnenden Ausgleich der tschechischen Reformation mit den klassischen Strömungen der Weltre­formation dar. Sie wurde am 17. Mai 1575 dem Kaiser Maximilian II. als gemeinsames Bekenntnisprogramm der Protestanten in den tschechischen Ländern feierlich überreicht. Obwohl sich die protestantischen Stände damals von Seiten des Kaisers mit einer mündlichen Zusa­ge religiöser Freiheit zufrieden geben mussten, waren sie nun doch immerhin so weit, dass sie auch weiterhin gemeinsam vorgingen. Vom Kaiser Rudolf II. erzwangen sie 1609 den Majestat (Majestätsbrief), der die volle Reli­gionsfreiheit – auch für die Untertanen! – im Lande bestätigte und sogar zum Gesetz erhob.

Vergeblich versuchte die katholische Partei, die weitere gegenseitige Annäherung unter den Protestanten zu verhindern. Das Evangelische Element gewann im Land völliges Übergewicht. Die Bibel und ihre Teile wurden nun in großer Auflage gedruckt. Daneben wurden zahlreiche evangelische Meditationen und Gesangbücher herausge­geben, so dass man vom „Goldenen Zeitalter“ dieser Literaturgattung sprechen kann.

Diese hoffnungsvolle Periode dauerte leider nicht länger als zwei Jahrzehnte. Die neue politische Entwicklung in Europa und erneute Uneinigkeit der evangelischen Stände bereitete schließlich allen Hoffnungen der tschechischen Reformation ein tragisches Ende.

 

„Unsere Vorfahren hatten viele Anfechtungen zu erdulden, wenn sie bei der erkannten Wahrheit und dem reinen Wort Gottes verbleiben und so einen wertvollen, von Gott offenbarten Schatz erben wollten. - So bitten wir gemeinsam und einmütig Eure kaiserliche Gnaden, uns gnädiglich zu garantieren, dass wir in unserer christlichen Religion mit voller Freiheit unserem Herrgott dienen können.“

Aus der Vorrede der böhmischen Stände zur Böhmischen Konfession vom 17. Mai 1575

Der tschechische Historiker F. Hrejsa bezeichnete die Confessio bohemica in seiner Monographie als Ausdruck eines organischen und ökumenisch versöhnenden Ausgleichs der böhmischen Reformationsbewegung hussitischer und brüderischer Prägung mit dem klassischen Bekenntnisgut der europäischen Reformation. So wurde der Weg zum gegenseitigen Aufeinanderhören und zum Zwie­gespräch der Konfessionen bereitet.“

Amedeo Molnár in seiner Studie für den Sammelband „Kirchen der Welt“, 1977

 

Man spricht bei uns von der brüderischen Eigentümlichkeit. Im Sinne einer Lehre von nationalen Charakterzügen, die sich angeblich in der Ausprägung des Christentums in der jeweiligen Nation manifestiert, wird das „urpsrüngliche Bruderschaft“ betont; das, was die Brüderunität von anderen Kirchen übernommen hat, wird als Verunreinigung der ursprünglichen Wurzel verstanden. Wenn wir aber glauben, dass der gleiche Heilige Geist die Kirche Christi, die keine nationalen Grenzen kennt, erleuchtet und heiligt, sollten wir es unseren Vätern nicht übel nehmen, dass sie auch von ausländischen reformatorischen Kirchen gelernt haben. Sie lernten dort mit dem Recht der Kinder Gottes, die Anspruch haben auf alle Begabungen, die irgendeinem Teil der Kirche gegeben sind.

Rudolf Říčan, Od úsvitu reformace k dnešku (Von der Dämmerung der Reformation bis heute), 1948, S. 184

 

 

 

II. Von der Gegenreformation bis zur erneuten Vereinigung der evangelischen Konfessionen 1918

 

6. Die Zeit der Illegalität unter der Gegenreformation 1621-1781

 

Im Gegensatz zur deutschen Reformation, die sich noch in viele andere Länder ausbreiten konnte, wurde die tschechische Reformation in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges fast völlig erstickt. Nach dem fehlgeschlagenen Böhmischen Aufstand von 1618 gegen den streng katho­lischen Kaiser Ferdinand II. erlitten die evangelischen Stände, die den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zu ihrem König gewählt hatten, am 8. November 1620 in der Schlacht am Weißen Berg eine verheerende Niederlage. Damit war es um die religiöse und nationale Freiheit der tschechischen Länder, die damals bereits zu 90% evange­lisch waren, für die nächsten dreihundert Jahre geschehen.

Am 21. Juni 1621 wurden die 27 Anführer des Aufstands auf dem Altstädter Ring in Prag hingerichtet. Die evange­lischen Adligen und freien Landbewohner wurden gezwungen, entweder den katholischen Glauben anzu­nehmen oder die Heimat zu verlassen. Dem übrigen Volk wurde die katholische Religion durch Macht und geschicktes Vorgehen der Jesuiten aufoktroyiert. Zu den 30 000 Exulanten, die ihre Heimat verlassen mussten gehörte auch der letzte Bischof der Brüderunität Jan Amos Comenius, der daraufhin durch viele europäische Länder pilgerte und sich an vielen Orten um die Erziehung der Jugend, evangelische praxis pietatis und die Verständi­gung zwischen den Völkern verdient machte.

Der Westfälische Frieden von 1648, der den Dreißigjähri­gen Krieg in Europa beendete, brachte weder den im Lande gebliebenen, noch den im Ausland zerstreuten Protestanten nennenswerte Erleichterung. Comenius selbst starb 1670 an seinem letzten Zufluchtsort in Amsterdam. In seiner bewegenden letzten Schrift über „Das Vermächtnis der sterbenden Mutter Brüderunität“ beschrieb er die völlig aussichtslose Lage der verbliebenen tschechischen Evangelischen.

Nach der 160 Jahre andauernden Gegenreformation, mit Recht die Zeit der Finsternis genannt, als kein organisiertes evangelisches kirchliches Leben möglich war, schien der tschechische Protestantismus ausgerottet zu sein. Doch ist der Funke des evangelischen Glaubens im tschechischen Volk nie ganz erloschen. Kleine geheime Gruppen evangelischer Bekenner, die sich in die Illegalität zurückgezogen hatten – sie nannten sich „die Stillen im Lande“ oder auch „der verborgene Same“, kamen trotz ständiger Verfolgungen an entlegenen Orten, in Wäldern und Felshöhlen, zu geheimen Gottesdiensten zusammen. Später wurden sie regelmäßig von den evangelischen Exil-Predigern aus dem benachbarten Sachsen und Polen besucht und geistlich unterstützt. Unter Lebensgefahr bewahrten die heimlichen Protestanten in verschiedenen Verstecken ihre alten Bibeln, Postillen und Gesangbücher auf, um sie vor der jesuitischen Inquisition und vor den Soldaten zu schützen. Später wurden neue Bücher in deutschen evangelischen Ländern gedruckt, die man heimlich über die Grenzen nach Böhmen und Mähren brachte, so dass die Evangelischen auch ihre Kinder im Glauben der Väter erziehen konnten.

Im Zuge der Gegenreformation strömte auf Betreiben der habsburgischen Herrscher fremder Adel ins Land. Das tschechische Element wurde immer mehr zurückgedrängt und höhere Bildung wurde zum alleinigen Vorrecht des germanisierten Bürgertums, des Klerus und des Hocha­dels. Die neuen Herrscher bauten sich in Prag und anderen Orten glanzvolle Barockpaläste und lebten in Saus und Braus auf Kosten des Volkes. Seit dieser Periode der Gegenreformation wurde die römische Kirche in den böhmischen Ländern allgemein mit der Unterdrückung durch die Habsburger verbunden, was die Haltung der tschechischen Protestanten und der fortschrittlichen Volksschichten dem Katholizismus gegenüber bis ins zwanzigste Jahrhundert negativ prägte.

Die tschechischen evangelischen Exulanten, die in der Zeit der Gegenreformation wegen ihres Glaubens ihre Heimat verlassen mussten, sowie weitere Emigranten, die aus wirtschaftlicher Not oder anderen Gründen ins Ausland übersiedelten – unter ihnen auch viele berühmte Musiker der Barockzeit, ließen sich zumeist in der Slowakei nieder, die damals zu Ungarn gehörte und eine andere kirchenpolitische Entwicklung erlebte, aber auch in Deutschland, wo sie bald unter den Einfluss des Pietismus kamen.

Von allen neu gegründeten Emigrantensiedlungen auf deutschem Gebiet wurde für die Nachkommen der Brüde­runität eine besonders bedeutsam. 1722 wurde auf dem Lausitzer Gut des Grafen Nikolaus L. von Zinzendorf die Siedlung Herrnhut (Unter der Hut des Herrn) gegründet, wo sich nach dem Aufbau fester brüderlicher Gemeinschaft 1749 die Erneuerte Brüderunität konstituierte. Die Herrnhuter Unitas fratrum, in der angelsächsischen Welt eher bekannt als Mährische Kirche (Moravian Church), ist also ebenfalls aus dem reichen geistlichen Erbe der brüde­rischen Reformation hervorgegangen. So wurde das Vermächtnis der tschechischen Reformation nicht ausge­löscht, sondern im Gegenteil in der ganzen Welt verbreitet.

Dieses Kapitel kann nicht schließen, ohne zu erwähnen, wie bitter das Los der Emigranten war. Einigen von ihnen setzte es so sehr zu, dass sie nach Hause und in die römische Kirche zurückkehrten. Die Mehrheit jedoch nahm es auf sich, um Jesus Christus treu zu bleiben. Ihm geben wir die Ehre. Bis heute bleiben sie ein lebendiger Beweis, dass weder die Nation noch die Heimat die höchsten Werte sind. Jesus Christus ist über allem und ihm gehört die ganze Erde.

 

„Als besondere Erbschaft vermache ich dir das Buch Gottes, die heilige Bibel, die meine Söhne mit großem Fleiß aus den ursprünglichen Sprachen ins Tschechische übersetzt haben, fast fünfzehn Jahre haben einige gelehrte und treue Männer mit dieser Arbeit verbracht, und der Herrgott hat das also gesegnet, dass es wenige Nationen gibt, die das Zeugnis der Propheten und Apostel in ihrer Sprache so wahrhaftig und klar hören können. - Halte also, mein liebes Vaterland, dieses Buch als ein besonderes Klei­nod und benütze es zur Ehre Gottes und zu deiner guten und nützlichen Bildung. Und obwohl viele Exemplare dieses Buches von den Feinden verbrannt wurden, hab guten Glauben und zweifle nicht, dass dir dieses Buch Gottes erhalten bleibt.“

Jan Amos Komenský in „Das Vermächtnis der sterbenden Mutter Brüderunität“ von 1650

 

Bisherige Reformationen der Kirchen - angeregt durch Wiclif, Hus, Luther, Zwingli, Calvin, Menno, Socius, ja wiederholt auch durch den Papst - mögen an den ersten Akt der Heilung des Blinden erinnern (Mk 8,22ff); nun aber ist eine vollständige und universale Reformation nötig, die dem zweiten Akt Christi entsprechen würde, da dem Blinden scharfes Augenlicht geschenkt würde, so dass er klar und deutlich sehen konnte (V. 25).“

J. A. Komenský in seiner Schrift Panorthosia von 1662, dem sechsten Teil seines programmatischen Werkes „Über die Wiedergutmachung der menschlichen Dinge“

 

„Vergebens wird der Mensch sein Glück in dieser Welt suchen. Gott muss er gefunden haben, der sich in Christus offenbart hat. Sein lebendiges Wort, wie es für uns in der Heiligen Schrift erhalten ist, ist mehr als alle menschliche Weisheit, - auch mehr als alle Theologie. Seine Gebote stehen hoch über allen menschlichen Gesetzen.“

Jan Amos Komenský in seiner letzten Schrift Unum necessarium (Das eine, was nötig ist) von 1668, die er Ruprecht von der Pfalz, dem Sohn des „Winterkönigs“, widmete.

 

7. Die Zeit der Toleranz und der Weg zur vollen Religionsfreiheit 1781-1918

Die lange und schwere Zeit der Gegenreformation hat den evangelischen Glauben in den tschechischen Ländern nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich gelähmt. Doch trotz andauernden schweren Verfolgungen blieben in Böhmen und Mähren auch nach 160 Jahren etwa 80 000 geheime Evangelische. Diesen gewährte endlich Kaiser Josef II. als ein Mann der Aufklärung eine gewisse Reli­gionsfreiheit. Am 13. Oktober 1781 erließ er sein Toleranzpatent, durch das er den Nichtkatholiken auf dem Gebiet der Habsburger-Monarchie religiöse Toleranz einräumte. Es ging de facto nur um eine Duldung der protestantischen Minderheiten unter weiterhin strenger Aufsicht der herrschenden katholischen Kirche, aber trotzdem bedeutete sie für die Überreste der evangelischen Untergrundkirche tatsächliche Erleichterung. Vor allem bestand nun die Möglichkeit, den evangelischen Glauben öffentlich zu bekennen und die Kirche in Gemeinden zu organisieren.

Die tschechischen Nachkommen der alten Hussiten und Brüder waren jedoch ziemlich enttäuscht, weil sie sich nicht direkt zum evangelischen „Glauben der Väter“ bekennen durften, sondern nur zu den damals offiziell anerkannten Konfessionen: zur Augsburgischen oder zur Helvetischen. Von den ersten rund 70 000 neuen kirchlichen Anmeldungen bekannten sich damals die meisten zur Helvetischen Kirche, die ihnen durch liturgische Schlichtheit viel näher stand als die Augsburgische.

Die kaiserliche Toleranzverordnung erlaubte jedoch die Bildung evangelischer Gemeinden nur in solchen Orten, wo sich mindestens 100 Familien oder 500 Seelen zu einer tolerierten Konfession bekannten. Statt Kirchen durften die neuen Gemeinden nur schlichte hölzerne „Bethäuser“ ohne Turm und Glocken – die so genannten Toleranzkirchen – außerhalb der Dörfer errichten. Von ihnen sind einige noch heute zu sehen. Außerdem durften sie ihre eigenen Prediger, später auch Lehrer bestellen. Die Kirchensteuern wurden aber von der römisch-katholischen Verwaltung eingezogen. Jede evangelische Missionierung blieb verboten und für die neu angemeldeten Evangelischen wurden so genannte „religiöse Übungen“ bei den katho­lischen Pfarrern vorgeschrieben. Trotz allen Hindernissen haben sich während der ersten fünf Toleranzjahre insge­samt 78 000 Evangelische, davon 59 000 unter dem Helvetischen und 19 000 unter dem Augsburgischen Bekenntnis registrieren lassen. Von den neu gegründeten 76 Toleranzgemeinden hatten 53 bald auch eigene kirchliche Schulen.

Sehr wichtig wurde damals für die Gründung der Tole­ranzgemeinden die Unterstützung durch reformierte Prediger aus Ungarn und lutherische aus der Slowakei, wo das Tschechisch der Kralitzer Bibel nicht nur Gottesdienstsprache, sondern auch allgemeine Schriftsprache war. Sie kamen trotz der großen Armut der Gemeinden und vieler Schwierigkeiten den tschechischen Glaubensbrüdern aufopferungsvoll zu Hilfe. So wurde die Toleranzzeit zu einer bedeutenden Etappe auf dem Weg zur vollen Religionsfreiheit.

 

***

 

Es bedurfte vieler weiterer, fast hundert Jahre währender Anstrengungen, bis nach den wichtigen poli­tischen Ereignissen des Revolutionsjahres 1848 die tschechischen Evangelischen und andere Nichtkatholiken im so genannten protestantischen Kaiserpatent von Kaiser Franz Josef I. vom 8. April 1861 die volle staatliche Gleichberechtigung mit den Katholiken erlangten. Das damalige zunehmende nationale Selbstbewusstsein führte das tschechische Volk zu neuer Wertschätzung der hussitischen und brüderischen Vergangenheit. Dadurch kam auch die evangelische Minderheit zu mehr Ansehen. Zu den bisher nur im ländlichen Gebiet bestehenden evangelischen Kirchengemeinden kamen weitere in den Städten hinzu.

Auch im öffentlichen Leben gewannen die Evangelischen allmählich einen gewissen Einfluss. Unter der evange­lischen Intelligenz spielte eine besonders wichtige Rolle der Historiker František Palacký. Verfasser der berühmten „Geschichte des tschechischen Volkes in Böhmen und Mähren“ (1876), später auch Professor Tomáš G. Masaryk, der dann erster Präsident des unabhängigen tschechoslo­wakischen Staates wurde. Als fortschrittlicher Professor trat Masaryk 1880 zur evangelischen reformierten Kirche über. Neben vielen philosophischen und politischen Schriften verfasste er auch Bücher zu religiösen Themen: „Die tschechische Frage“ (1895), „Jan Hus“ (1896) und „Der moderne Mensch und die Religion“ (1899).

Volle Religionsfreiheit für die Angehörigen aller Konfessionen brachte in den tschechischen Ländern erst die Gründung der selbständigen Tschechoslowakischen Republik (ČSR) nach dem Ende des ersten Weltkriegs am 28. Oktober 1918. Die nach dreihundert Jahren wiederge­wonnene nationale Unabhängigkeit war das Ergebnis der Bewegung für die nationale Wiedergeburt im 19. Jahrhundert, die zur mächtigen geistigen und poli­tischen Kraft angewachsen war, und zwar nicht nur in Böhmen und Mähren, sondern auch in der Slowakei, wo besonders die evangelischen Pfarrer und Intellektuellen für die Erhaltung der gemeinsamen Kultur und für ein brüderliches Verhältnis zu den Tschechen eingetreten waren.

Nach der Gründung der gemeinsamen Republik er­hielten die tschechischen evangelischen Bekenntnis­kirchen die Möglichkeit der Wiedervereinigung in Anknüp­fung an alte einheimische reformatorische Traditionen. In der Slowakei blieben die evangelischen Kirchen auch weiterhin getrennt, als Evangelisch-lutherische (A.B.) und Reformierte christliche Kirche (H.B.).

 

 

„Ich bin eine helwetische Christin, katholisch mag ich nicht sein, wegen Anbetung der Heiligen und wegen Beraubung des Kelches. Denen beygebrachten Belehrungen glaube ich nicht, ich bin und bleibe helwetische Christin.“

Aus der Aussage einer gewissen E. Zalrepová zum Tole­ranzprotokoll 1782 vor dem Magistrat in Znojmo/Südmähren

 

Bin evangelisch lebenslang. Ich glaube alles was der evangelische Glaube befiehlt. Auswendig kann ich nichts, nur dass zwei Sakramente seyn, die Tauf und das Abendmahl. Andere Sachen werde ich lernen. Es ist umsonst, daß ich zurückgehe, weil meine Eltern auch so seyn.''

Aus der Toleranzaussage der Landmagd Katerina Lojková, Archiv der Herren von Jihlava, 1782

 

„Das tschechische Volk, obwohl nicht groß an Zahl, erreichte Weltruf durch seine bedeutenden Denker, deren geistliche Flamme durch die Finsternis der Zeiten hindurchleuchtete und die Funken des Gewissens und des Glaubens erneuerte. Erschüttert durch Gewitter von allen Seiten, drohte es oft, die Aussicht auf die Bewahrung seiner Existenz zu verlieren - doch hat es bis heute nicht aufge­hört, an seine Zukunft zu glauben.“

Der Historiker František Palacký in der Vorrede zu seiner „Geschichte des tschechischen Volkes“ von 1848

 

 

„Die Seele des Volkes war gebrochen, sie unterwarf sich so sehr, dass sie ihre gewaltsame Rekatholisierung lobte und die Reformation und die Reformatoren schmähte. Denn es gab hier doch eine Handvoll derer, die sich geistlich nicht unterwarfen und in der Knechtschaft innere Freiheit hatten, Licht in der Dunkelheit waren.“

Synodalsenior Josef Souček in seiner Eröffnungsrede bei der Feier des Toleranzpatents am 11. Oktober 1931 in Prag

 

 

8. Die Vereinigung der evangelischen Kirchen im unabhängigen Staat 1918

Erst im Rahmen des selbständigen tschechoslo­wakischen Staates 1918 wurde die lange vorher ersehnte und vorbereitete Vereinigung der tschechischen evange­lischen Kirchen Wirklichkeit. So konnten sich nach fast dreihundert Jahren die geistigen Erben der alten Hussiten und Brüder wieder uneingeschränkt zum Glauben der Väter bekennen.

Zur Vereinigung der beiden seit der Toleranzzeit beste­henden kirchlichen Konfessionen kam es auf der Generalversammlung der tschechischen Evangelischen vom 17./18. Dezember 1918 in Prag. Die damalige Reformierte Kirche zählte schon 126 000 Glieder, die Lutherische 34 000. Die Anknüpfung der vereinigten Kirche an alte einheimische reformatorische Traditionen, besonders an die brüderische, kam auch im neuen Namen der Kirche zum Ausdruck: Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB). Als Symbol der vereinigten Kirche wählte man den Kelch (Zeichen der hussitischen Tradition) der auf der Bibel steht (Zeichen der brüderischen Tradition).

Dank der vielseitigen geschichtlichen Wurzeln wurde diese Kirche sowohl bei der Vereinigung als auch auf ihren weiteren Wegen durch tiefen ökumenischen Geist geprägt. Ein Zeugnis davon bieten auch die angenommenen Bekenntnisschriften. Es sind - neben den altchristlichen Glaubensbekenntnissen - das Apostolikum das Nicaeno-

Constantinopolitanum und das Athanasianum und neben den alten hussitischen Vier Prager Artikeln von 1420 auch vier Bekenntnisschriften aus der Reformationszeit: die lutherische Confessio Augustana von 1530, die Brüderische Konfession von 1535 nach der letzten Ausgabe von Comenius von 1622, die reformierte Confessio Helvetica posterior von 1566 und selbstverständlich die tschechische Confessio Bohemica aus der ersten Vereinigung von 1575, die die frühe ökumenische Orientierung der tschechischen Reformation repräsentiert.

Für die vereinigte Kirche eröffneten sich im unabhängi­gen Staat viele neue Arbeitsmöglichkeiten, besonders auch für die Missionstätigkeit. In den ersten Nachkriegsjahren kam es auch in der freien demokratischen Republik (ČSR) zu einer großen Übertrittsbewegung aus der römisch-katholischen Kirche – „Los von Rom“. Damals verließen fast 18% der tschechischen Bevölkerung die römische Kirche, die bis dahin aufs engste mit dem repressiven habsburgischen Thron verbunden war, und sich auf vielerlei Weise auch während des Krieges dadurch kompro­mittierte. Rund 100 000 ehemalige Katholiken schlossen sich während des ersten Jahrzehnts der EKBB an, so dass sie bald mit ihren 250 000 Gliedern in 120 Gemeinden zur größten tschechischen evangelischen Kirche wurde.

Aus der Übertrittsbewegung profitierten auch andere Kirchen. Zehntausende schlossen sich den kleinen evange­lischen Denominationen an, die seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ihre Tätigkeit in den böhmischen Ländern aufgenommen hatten, wie die Brüderkirche (freie reformierte Gemeinden), die Baptisten, die Methodisten und teilweise auch die Altkatholiken Von den ehemaligen katholischen Priestern wurde sogar eine neue Kirche gegründet, die sich 1920 unter dem Namen Tschechoslowakische Kirche konstituierte. Diese nationale Kirche knüpfte teilweise an die orthodoxe christliche Tradition, mehr aber noch an die alte hussitisch-utraquistische Tradition an. Später änderte sie deshalb auch ihren Namen in „Tschechoslowakische Hussitische Kirche.“ Mit ihren 750 000 Gliedern wurde sie zur größten nichtkatholischen Kirche in der ČSR. Von den 13 Millionen Einwohnern der unabhängigen Republik blieben jedoch immer noch 10 Millionen der römisch-katho­lischen Kirche treu, die sich durch ihre bleibende Mehrheitsposition auch weiterhin großen religiösen, poli­tischen und kulturellen Einfluss erhielt.

In den ersten Jahrzehnten ihrer neuen Existenz bemühte sich die vereinigte EKBB, ihre Stellung im Volk durch Evangelisation (besonders in Westböhmen) und Organisierung der Arbeit in den neugegründeten Gemeinden zu festigen. Die früheren Konfessionsunterschiede brachten keine größeren Proble­me mit sich. Die ehemaligen Lutheraner behielten auch weiterhin ihre liturgischen Besonderheiten bei, während die reformierte Mehrheit an keinem streng kalvinistischen Artikel festhielt. Die Pfarrer einer Konfession wurden meistens ohne Bedenken in den Gemeinden des anderen Bekenntnisses gewählt, wobei die Zugehörigkeit der Gemeindeglieder grundsätzlich nach ihrem Wohnsitz gere­gelt wurde. Neben den traditionellen Toleranzgemeinden entstanden auch völlig neue Gemeinden sowohl liberaler als auch evangelikaler Prägung. Im Jahre 1919 schlossen sich die deutschen evangelischen Gemeinden in Böhmen, Mähren und Schlesien zur Deutschen evangelischen Kirche der Tschechoslowakei zusammen. Sie zählte 120.000 Glieder.

Für die Ausbildung der Prediger und des theologischen Nachwuchses wurde schon 1919 die Hus-Fakultät für evangelische Theologie in Prag gegründet, die später, seit 1953 nach Comenius benannt wurde. Die neue Fakultät stand von Beginn an in enger Verbindung mit der Leitung der vereinigten Kirche. Die Hochschullehrer kamen zumeist aus den Reihen ihrer Pfarrer. Den Ablauf der Fakultät organisierte am Anfang der von der theologischen Fakultät aus Wien nach Prag berufene G.A. Skalský. Bereits in der ersten Generation von Hochschullehrern gab es hervorragende Professoren: im Fach Kirchengeschichte F. Hrejsa und F.M. Bartoš, der Alttestamentler S. Daněk, der Neutestamentler F. Žilka, der Philosoph und Dogmatiker J. L. Hromádka. In den weiteren Generationen der Historiker R. Říčan, der Alttestamentler M. Bič, der Neutestamentler J. B. Souček, der Dogmatiker und Ethiker F. M. Dobiáš, in praktischer Theologie F. Bednář, A. Novotný und J.B. Jeschke. Später dann der Dogmenhistoriker A. Molnár, der Systematiker J. M. Lochmann und L. Brož, der Alttestamentler J. Heller, der Neutestamentler P. Pokorný, im Fach praktische Theologie J. Smolík und Pavel Filipi, in Sozialethik M. Opočenský und in Religionswissenschaft J. N. Ondra. Die theologische Fakultät entsendet auch vollberechtigte Vertreter in die Synode der EKBB.

Der bewußt kirchliche Beschluß der Vereinigung entsprach dem beschleunigten Puls des damaligen natio­nalen Geschehens - auch in der Überzeugung, das Vermächtnis der heimischen Reformation dränge mit seiner ganzen Wucht zur Vereinigung der beiden bisher getrennten Kirchen. Darum verwarfen die Väter der Vereinigung die Bezeichnung „Union“. Auf den Vorwurf, er sei durch, den politischen Opportunismus und Nationalismus der Nachkriegszeit diktiert, antworteten sie mit dem Hinweis auf spontane Äußerungen der Sehnsucht nach einer einheitlichen evangelischen tschechischen Kirche, die bereits in der Vergangenheit laut geworden waren. Die preußische Union diente keineswegs als Vorbild, sondern wurde des öfteren als abschreckendes Beispiel einer staatlichen Lösung angeführt.“

Amedeo Molnár in der Studie für den Sammelband Církve ve světě [Kirchen der Welt], 1977, S. 198.

 

Wir müssen uns wirklich nicht für unsere Reformation schämen, noch für alle Bemühungen, oft dürftig und matt, und dann doch wieder ernst und ergreifend, bei uns eine Kirche nach Gottes Wort zu erbauen. Wir haben keine Prachtkathedralen, keine strahlende sakrale Kunst. Unser Literaturschaffen ist ziemlich spärlich, unsere Theologie steht immer noch am Anfang, aber wir sind nicht so arm und schwach, dass wir die Gemeinschaft der Kirchen nicht mit unserem Zeugnis und unseren geistlichen Tönen bereichern könnten.

J. L. Hromádka im Sammelband Od reformace k zítřku [Von der Reformation bis morgen], 1956, S. 215.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß irgendein menschliches Wesen in unserer Welt ohne Kenntnis von Christus und seiner Lehre heranwachsen könnte. Denn schon das Alte Testament ist Teil eines grundlgenden Kulturho­rizontes eines jeden Europäers. Wer nicht weiß, was Christentum bedeutet, wird in unserem Kulturraum zu einem Fremden. Ich selber wiederhole immer wieder und betone, daß die Religion ein Grundelement des geistlichen Lebens und der Kultur ist.“

Tomáš G. Masaryk, Moderní člověk a náboženství [Moderner Mensch und Religion], 1899

 

9. Kirchenverfassung und Arbeit der vereinigten Kirche 1918-1939

Die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder gab sich eine presbyteriale Verfassung. Die Kirchenältesten (Presbyter) und alle Amtsträger der Kirche mit Ausnahme der Pfarrer werden für eine Amtszeit von sechs Jahren gewählt. Die Frauen besitzen die gleichen Rechte wie die Männer. Seit langen Jahren stehen 30-40 Frauen im praktischen Dienst. Die Gesamtkirche wird nach synodalen Grundsätzen verwaltet. Sie ist in 13 Seniorate eingeteilt, die durchschnittlich 20 Gemeinden umfassen. An der Spitze des Seniorats steht der Senioratsausschuß mit vier Glie­dern, mit dem Senior und dem Senioratskurator im Vorsitz. Die Delegierten der Gemeinden treffen sich jedes zweite Jahr zum Senioratskonvent, im engeren Kreis jedes Jahr zu einer Arbeitstagung, der so genannten Senioratsvertretung. Das höchste Organ der Kirche ist die Synode, die alle zwei Jahre einberufen wird. In der Zwischenzeit findet zweimal jährlich die Arbeitssitzung der Synodalvertretung statt.

Das höchste Verwaltungsorgan der Kirche ist der Syno­dalrat bestehend aus drei Pfarrern und drei Presbytern, der vom vorsitzenden Synodalsenior und Synodalkurator gelei­tet wird. Vom Prager Kirchenamt in der Jungmannova-Straße (Hus-Haus) aus leitet er die Gesamtkirche mit Unterstützung von Arbeitsabteilungen und Beratungskommissionen, in denen 150-200 Theologen und Laien ehrenamtlich mitarbeiten.

 

Zu Gliedern der Kirche werden meistens die Kinder evangelischer Eltern. Die Kirchengemeinden stehen jedoch allen Menschen offen und fühlen sich verantwortlich nicht nur für die eigenen Glieder, sondern auch für die Gesellschaft, in der sie leben und arbeiten.

Neben der katechetischen Tätigkeit (Reli­gionsunterricht, Kindergottesdienste, Konfirmanden- und Jugendarbeit sowie verschiedene Studienkreise) liegt der Schwerpunkt der kirchlichen Arbeit noch vorwiegend in den Sonntagsgottesdiensten, Bibelstunden, Seelsorge und dem „christlichen Dienst“, (speziellen diakonischen Hilfsangeboten für die Einsamen und Kranken), wobei den Pfarrern auch Laien helfen. Nach dem Beispiel der alten Brüderunität bemüht sich die Kirche, sowohl in den Gemeinden als auch auf der gesamtkirchlichen Ebene um aufrichtige brüderliche Gemeinschaft und praktisches christliches Leben im Rahmen der vereinbarten Ordnungen und Grundsätze. In ihrem Sinne werden die Gemeindeglieder „gebeten und gemahnt“, in den Gemeinden brüderliche Gemeinschaft und den Dienst der Liebe zu pflegen, und in ihrer Umwelt durch gehorsames, Christus hingegebenes Leben glaubwürdige christliche Zeugen zu sein.

Leider gibt es immer auch in den Reihen der Kirchenglie­der viel Schwäche und geistliche Ohnmacht. Der Säkularisierungsprozeß in der modernen Konsumge­sellschaft macht auch vor den Türen der Kirche nicht halt. In der EKBB gab es immer auch lebendiges Bewusstsein, dass es nötig ist, die frohe Botschaft des Evangeliums den außerkirchlichen säkularisierten Menschen näher zu bringen. Für diese verschiedenen Missionsaufgaben werden Prediger und Laien durch verschiedene theologische, evangelisatorische und praktische Kurse, Konferenzen (z.B. „Evangelisches Werk“) und Studiengruppen ausgerüstet.

Besondere Bedeutung für das Leben der Kirche hat auch das kirchliche Presse- und Verlagswesen. Die Monatsschrift der EKBB heißt Český bratr (Tschechischer Bruder), die Jugendzeitschrift „Bratrstvo“ (Bruderschaft), die sowohl von den faschistischen als auch von den kommunistischen Zensurbehörden verboten war, erscheint seit 1990 wieder regelmäßig. Von einer Gruppe von Predigern wird eine neue selbständige Zeitschrift unter dem Titel „Protestant“ herausgegeben. Der kirchliche Verlag und seine Buchhandlung heißen Kalich (Kelch). Jedes Jahr erscheinen hier neben einigen religiösen Publikationen ganz regelmäßig der Kirchenkalender und die Bibellese „Für jeden Tag“, bestimmt für reguläre Hausandachten. Viele bedeutende Glieder der Kirche nehmen auch teil an der Herausgabe der evangelischen ökumenischen Wochen­schrift Kostnické jiskry (Konstanzer Funken), seit 2005 Evangelický týdeník (Evangelisches Wochenblatt).

Seit Jahren betreibt die EKBB zur Intensivierung ihrer Arbeit auch einige Erholungs- und Tagungszentren: In Choteboř im böhmisch-mährischen Bergland, in Herlíkovice und Janské Lázně im Riesengebirge, in Jáchymov im Erzgebirge und in Lázy im ostmährischen Walacheigebirge. Dort haben die Kirchenglieder und ihre Familien weitere Möglichkeiten zu geistlicher Einkehr und brüderlichem Gemeinschaftsleben. Auch verschiedene gesamtkirchliche Studienkurse und Konferenzen finden in diesen Zentren statt. In letzter Zeit oft unter Beteiligung ausländischer Gäste.

 

All diese Arbeit bedeutet einen hohen finanziellen Aufwand. In den ersten Jahren ihres Bestehens und nach dem 2. Weltkrieg bekam die EKBB großzügige finanzielle Hilfe von Schwesterkirchen im Ausland. Wie wollte jedoch nie ganz von den Spenden aus dem Ausland abhängig sein und gründete daher im Jahr 1918 das Selbsthilfewerk „Hieronymusverein“ – der an das deutsch Gustav-Adolf-Werk angelehnt war. Zu Beginn des zweiten Jahrzehnts ihrer Existenz (1931) erinnerte sie daran, dass die Dankbarkeit für die Freiheit, die das Toleranzpatent den Evangelischen ermöglicht hatte, auch durch eine besondere „Toleranzkollekte“ ausgedrückt werden könne. Bis heute dient dieses Vermögen der Toleranzjubiläumsspende – in der Zwischenzeit mehrfach gewachsen – den Kirchengemeinden in Form von zinslosen Darlehen; und es ist ein Beweis, dass eine wirklich christustreue Kirche ihre Lebensfähigkeit auch wirtschaftlich unter Beweis stellt.

 

„Das Erwachen des historischen Bewußtseins der tschechischen Evangelischen war damals jedoch nur teilweise identisch mit einem Bewußtsein für die bekennende Kraft in der Botschaft, die die Konfessionen der tschechischen Reformation zum Inhalt haben. Es erwuchs vielmehr und zu großen Teilen aus dem bisherigen Weg, den die tschechischen Evangelischen seit der Toleranzzeit zurückgelegt hatten.“

Amedeo Molnár in der Studie für den Sammelband „Církve ve světě“ [Kirchen der Welt], 1977, S. 199

„Die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder glaubt von sich, dass sie ein Teil der Kirche Christi ist, die durch das Wort Gottes erneuert wurde und von ihm wieder erneuert werden soll. Sie ist gegründet auf das allgemeine Priestertum des Volkes Christi. Auch in ihren Reihen will sie sich orientieren an den Richtlinien und Beispielen der heiligen Schriften. Diese finden ihren deutlichsten Ausdruck in den presbyterial- synodalen Grundsätzen.“

Aus der Präambel der Kirchenverfassung, verabschiedet von der 11. Synode im Jahr 1953.

 

„Die Kirche ist in diese Welt gesandt, sie ist aber nicht von dieser Welt. Das Bild des Volkes Israel auf dem Wege aus Ägypten in das gelobte Land bleibt das Bild der Kirche Christi. Sie lebt durch das Bewusstsein der Gegenwart des lebendigen Gottes in Jesus Christus in unserer Mitte. Ihr dauernder Auftrag ist Exodus - das Herausgehen.“

Aus den „Grundsätzen der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder“, ausgearbeitet von der Kommission für die Neuformulierung des Glaubens unter Leitung von Prof. J. L. Hromádka.

 

 

10. Theologische und geistliche Strömungen in der vereinigten EKBB 1918-1948

 

Die theologische Entwicklung der vereinigten Kirche wurde von Beginn an durch historische Faktoren beeinflusst. In der Übergangsperiode der Toleranzzeit bis 1918 standen sich vor allem zwei theologische Richtungen gegenüber: der Rationalismus der Aufklärungszeit und die Orthodoxie. Zum Rationalismus, der auch auf der Wiener theologischen Hochschule vorherrschte, die bis 1918 auch den tschechischen theologischen Nachwuchs ausbildete, gesellte sich später aus der Romantik der Nachdruck auf das „Gefühlsmäßige“ in der Religion und auf die alten nationalen religiösen Traditionen. Seit den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als den tschechischen Theo-logiestudenten und Predigern die Türen ins protestantische Ausland aufgetan wurden, war zudem einerseits der erneuerte lutherische und reformierte Konfessionalismus, andererseits der Einfluss der angelsächsischen Erweckungsfrömmigkeit für die tschechischen Kirchen maßgebend.

Vor dem Ersten Weltkrieg gewann die liberale Theologie, die sich in mehrere Richtungen gliederte, das Übergewicht. Der theologische Liberalismus trug endlich auch dazu bei, den Weg zum Zusammenschluss der beiden evangelischen Konfessionen 1918 zu ebnen, indem er die konfessionellen Gegensätze zurückdrängte und die Aufmerksamkeit der Kirchen auf ihre praktischen Aufgaben in der Welt lenkte.

 

Nach der Gründung der Prager evangelischen theo­logischen Hus-Fakultät 1919, die 1953 nach Jan Amos Komenský in Comenius-Fakultät umbenannt wurde, entwickelte sich auch eine eigenständige tschechische Theologie, namentlich unter der Führung von Prof. Josef L. Hromádka, der parallel zu Karl Barth und Emil Brunner die Rückkehr zur biblischen Offenbarung betonte und die Kirche als Gemeinschaft der Pilger in der Welt deutete. Prof. Hromádka genoss auch großes Ansehen in der außerkirchlichen Öffentlichkeit, besonders in der jungen Generation, in der christlichen Studentenbewegung. Sein besonderes Verdienst war es, den spezifischen Beitrag des tschechischen Reformationserbes im Rahmen der Weltre­formation zu analysieren und die Grundtendenzen des böhmischen Brüdertums sowie ihre Bedeutung für die nationale Kultur zu beschreiben. Er trug auch dazu bei, dass die soziale Seite des Christentums und das Verhältnis von Religion und Kultur neu begriffen wurde, und formulierte Aufgaben der Kirche in der Ökumene und in der ganzen Gesellschaft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand der tapfere Kampf der deutschen Bekennenden Kirche gegen den Natio­nalsozialismus mit Martin Niemöller und Dietrich Bonhoeffer an der Spitze bei der jungen Generation tschechischer Theologinnen und Theologen große Anerkennung. Interesse weckten auch Rudolf Bultmann, Helmut Gollwitzer, Paul Tillich, Jürgen Moltmann und andere moderne Theologen, besonders, wenn sie sich den Fragen der Hermeneutik, der Eschatologie und des Dialogs widmeten. In enger Zusammenarbeit mit der Kirchenlei­tung spielte hier die Prager theologische Fakultät eine führende Rolle sowohl in der EKBB als auch allgemein im tschechischen Protestantismus.

Während der folgenden Jahrzehnte wurde das geistliche Leben der EKBB und ihrer Gemeinden von drei Hauptströ­mungen beherrscht:

1. Die biblisch orientierte Richtung, die an die klassische brüderische Tradition anknüpft und noch heute die führende Rolle spielt. Sie betont die Objektivität des Wortes Gottes in der Heiligen Schrift und konzentriert sich in der theologischen Arbeitsmethode auf Ergebnisse der wissenschaftlich-exegetischen Arbeit. So wurde von mehreren Arbeitsgruppen - in enger Zusammenarbeit mit der Fakultät - eine neue biblische Konkordanz mit ursprünglichen Sprachäquivalenten und eine moderne Bibelübersetzung vorbereitet. Diese Übersetzungsarbeit wurde später auf Ökumenischer Ebene fortgesetzt, so dass 1979 in Prag die erste Ökumenische Bibelübersetzung erschien.

2. Die evangelistische oder evangelikale Richtung, die sich auf die innere Mission der Kirche konzentriert, mit dem Nachdruck auf tiefere innerliche Frömmigkeit, auf persönliche Bekehrung und auf die Theologie des Kreuzes, steht den Freikirchen nahe und in der letzten Zeit auch den neuen Wellen der Spiritualität und den Pfingsttendenzen, denen ein neues Zeugnis für die unreligiöse Umwelt wichtig ist.

3. Die progressive, ökumenisch und gesellschaftlich orientierte Richtung, die sich um eine neue Art der Verkündigung im Sinne einer nichtreligiösen „zivilen“ Interpretation bemüht, und sich im Sinne aktueller Pro-existenz für den Mitmenschen kreativ engagieren will. Ihr „radikaler“ Flügel hat sich als Neue Orientierung bezeichnet. Ein anderer Flügel interessiert sich für den vielseitigen internationalen und ökumenischen Dialog. - In diesem Zusammenhang gab es in der Kirche auch kleine philosophisch orientierte Kreise, die auch am offenen Dialog mit dem Marxismus interessiert waren, und sich in Anlehnung an Prof. Hromádka um ein näheres Verständnis der gesellschaftlichen Probleme bemühten. Diese Bestrebungen sind jedoch in der Tschechoslowakei infolge der tief greifenden Erfahrungen mit dem abso­lutistischen kommunistischen Realsozialismus inzwischen zum Stillstand gekommen.

Die geistliche Orientierung der Kirche wurde in hohem Maße auch von ihren führenden Repräsentanten, vor allem von den Synodalsenioren und -kuratoren, bestimmt. Sie bewährten sich auch in schweren Zeiten als treue Hirten und gaben der EKBB, in- und ausländische Ökumene sowie ein eigenes Profil. Der erste Synodalsenior nach dem Zusammenschluss war Dr. Josef Souček (1918-1938), seine Nachfolger Dr. Kamil Nagy (1939), Dr. Josef Křenek (1939-1949), Dr. Viktor Hájek (1949-1968) und Dr. Václav Kejř (1968-1977).

 

„Inzwischen machte sich auch der Nationalgeist bemerkbar. Denn vom deutschen Idealismus und den Romantikern hatten inzwischen die tschechischen Patrio­ten gelernt, die Religion sei der letzte und tiefste Ausdruck des Seelenlebens; darum habe ein jedes Volk seine eigene Religion. So, zurück zu der alten Brüderkirche, die das tschechische Wesen angemessen zum Ausdruck bringt!“

Amedeo Molnár in seiner Studie für den Sammelband „Kirchen der Welt“, 1977

 

„Die Kirche hat in keinem System, Volk, oder einer ande­ren irdischen Gemeinschaft ihr Heimatrecht, Sie zerschlägt die Grenzen aller Gruppen und reißt alle Mauern ein, die trennen, wie Jesus es getan hat.

Sie durchdringt alte und neue Gesellschaftsordnungen. Sie fürchtet keine Änderungen und versieht in der Freiheit des Glaubens ihren Dienst auch dort, wo er missachtet wird.“

 

Josef L. Hromádka im Entwurf der auf der 6. EKBB-Synode 1932 angenommenen „Grundsätze der EKBB“

„Freiheit in der Wahrheit ist ein wesentliches Thema der biblischen Botschaft. Den Propheten ging es darum, dass das sich befreite Volk die Freiheit erhält, sie nicht verliert oder verkauft. Denn der Weg der Freiheit hat sein Risiko. Er kann zunächst in die Wüste führen – und gleich drohen Gefahren von innen und außen: es gibt Situationen, in denen auch „die Fleischtöpfe Ägyptens“ das kleinere Übel sind als der enge Pfad einer unsicheren freien Zukunft ... Esgeht darum, die Freiheit zu bezeugen und sich in der Freiheit zu bewähren.“

Jan Milič Lochmann, Pravda a úskalí svobody [Die Wahrheit und die Klippen der Freiheit], Křesťanská revue, 1991

 

11. Neue Zerstörung der Freiheit von West und Ost 1938-1948

Bis 1938 wuchs die Zahl der Kirchenglieder der EKBB auf 325 000 an. Sie wurden in 200 Pfarrgemeinden und 219 Predigtstationen von 200 Geistlichen versorgt. Etwa 100 Kirchengebäude wurden neu errichtet oder umgebaut. Wertvolle finanzielle Hilfe leistete dabei auch die tschechische Parallele zum deutschen Gustav-Adolf-Werk: Jeronymova jednota (Hieronymus-Unität). In den darauf folgenden Jahren der deutschen faschistischen Besetzung musste sich die insoweit konsolidierte Arbeit der Kirche auch mit den neuen Verhältnissen innerlich und äußerlich auseinandersetzen.

1938 gaben die politischen Westmächte Hitlers Druck nach und stimmten im Münchener Abkommen der Abtrennung der von rund drei Millionen Sudetendeutschen bewohnten Grenzgebiete der ČSR zu. Die tschechische Bevölkerung wurde gezwungen aus diesem Gebiet ins Binnenland umzuziehen. Im März 1939 besetzte Hitler auch die „Rest-Tschechei“ und leitete mit der Errichtung des so genannten Protektorats Böhmen und Mähren die sechsjährige deutsche faschistische Okkupation ein. Die Slowakei wurde unter Führung des katholischen Priesters Josef Tiso zum selbständigen Staat von Hitlers Gnaden.

Ein halbes Jahr später, am 1. September 1939, begann der Zweite Weltkrieg. Die tschechischen Länder, die nun als Protektorat unter strenger faschistischer Aufsicht standen, blieben zwar, von den Kriegshandlungen weitge­hend verschont, doch übten die Okkupanten hier mit Hilfe der Gestapo ihre Schreckensherrschaft aus: Die jüdische Bevölkerung wurde liquidiert und die Schichten der natio­nalen Intelligenz wurden schwer verfolgt.

Mit dem ganzen tschechischen Volk hatten auch die Kirchen schwere Not und Prüfungen zu erleiden. Viele Pfarrer und Gemeindeglieder, die sich am anti­faschistischen Widerstandskampf beteiligt hatten, wurden ihrer Ämter enthoben, viele junge Kirchenglieder wurden ins Reich geschickt und zu verschiedenen Zwangsarbeiten „total-eingesetzt“. Unter den von Hitler geschlossenen tschechischen Hochschulen befand sich auch die evange­lische theologische Fakultät. Damals organisierte die Kirchenleitung für den theologischen Nachwuchs geheime Fernkurse für das gesamte Theologiestudium. Auf diese Weise wurden so genannte Provisordiakone ausgebildet, die dann nach dem Krieg und dem Abschluss einer Ausbildung als Vikare in den vollen kirchlichen Dienst gingen.

Nach dem Kriegsende und der Befreiung des Landes von der Herrschaft des deutschen Faschismus wurden 1945 die meisten Sudetendeutschen, die ja mit großer Mehrheit Hitler unterstützt hatten, aus den zurückerstatteten Grenzgebieten der erneuerten Republik ausgesiedelt. Unrecht wurde mit Unrecht vergolten. An ihrer Stelle wurden neben anderen tschechischen Umsiedlern auch evangelische Reemigranten aus Schlesien, Polen, der Ukraine, Jugoslawien und Rumänien angesiedelt. Damit begann für die EKBB die schwierige Aufgabe, die wieder- oder neugegründeten Kirchengemeinden zu organisieren und zu betreuen. Die Zahl der Kirchenglieder wuchs so fast auf 350 000, die Zahl der Gemeinden auf 270 und die der Predigtstationen in der ausgedehnten Diaspora auf 400. Einige der Gemeinden im Grenzgebiet sind bis heute zweisprachig, auch mit deutschen Gottesdiensten, da in der ČSR nach dem Krieg noch 160 000 Deutsche geblieben waren, und die vielen Evangelischen unter ihnen sich gern in die neu orga­nisierten Kirchengemeinden eingliederten (z.B. in Aš, Hranice, Jáchymov und Vejprty).

Die politische Souveränität der ČSR wurde zwar 1945 formell wiederhergestellt, doch geschah dies unter sehr veränderten politischen und gesellschaftlichen Bedingungen. Enttäuscht von der westlichen Politik nach dem Verrat von München lehnte sich die befreite Republik viel stärker an die Sowjetunion an. Diese pro-russische Orientierung wurde von der neu gebildeten kommunistischen Partei ausgenutzt, die seit den Wahlen von 1946 zur stärksten politischen Partei im Lande angewachsen war. Im Februar 1948 kam es zum kommunistischen Umsturz und die ČSR, dann Tschechoslowakische Sozia­listische Republik (ČSSR), wurde allmählich zu einem totalitären Staat, in dem die führende kommunistische Partei sämtliche Lebensbereiche unter ihre strikte Kontrolle nahm.

Trotz eigener lebendiger sozialer Traditionen, die bis auf Magister Jan Hus und die hussitischen Taboriten zurückreichen, wurde das tschechoslowakische Volk gezwungen, sich nach dem sowjetischen Vorbild unter Stalins Führung zu richten. In der kommunistischen Verfassung wurden zwar die religiöse Freiheit und die Fortsetzung der bisherigen innerkirchlichen Arbeit gesetzlich gewährleistet, aber die Praxis sah anders aus. Im Jahr 1949 wurde das Gesetz über die wirtschaftliche Absicherung der Kirchen durch den Staat verabschiedet. Der kommunistisch geführte Staat übernahm die materielle Sorge für die Kirchen und die Bezahlung aller Geistlichen. Dadurch wurden die Kirchen, deren Eigentum teilweise verstaatlicht wurde, in eine wesentliche wirtschaftliche Abhängigkeit vom Staat gebracht und staatlicher Kontrolle unterstellt. Die so genannte „staatliche Erlaubnis zur geistlichen Tätigkeit“ war nicht nur für die Installation von Gemeindepfarrern notwendig, sondern auch für Gastprediger. Die Erteilung einer Erlaubnis für jedwede kirchliche Tätigkeit war in hohem Maße der Willkür der zuständigen Beamten anheim gegeben, die zumeist nicht einmal die nötige Bildung und Qualifikation für ihre Funktion hatten und ihre Rolle oft nur als blose Verwaltung verstanden. So begann auch für die EKBB ein neuer Kampf um das äußere Überleben und die innere Integrität.

 

„Die Kirche verlangt von ihren Gliedern, daß sie auch die gesellschaftlichen Fragen beachten und ein offenes Herz für das Elend und das Leiden des armen Menschen haben. In diesem Sinn müssen wir auch die revolutionären Bemühungen der Arbeiter als eine Warnung Gottes verstehen und uns immer wieder die Frage stellen, ob auch wir selbst nicht daran schuld sind, daß die sozialen Unruhen so weit fortgeschritten sind, daß sich die unzufriedenen Massen gegen die Botschaft des Glaubens stellen. Das Wort Gottes beschuldigt uns alle, daß wir an der sozialen Not unsere Schuld tragen.“

Aus den „Grundsätzen der EKBB“ in der von der 15. Synode 1966 angenommenen aktualisierten Fassung

„Die Bekenntnisfreiheit ist gewährleistet. Jedermann kann jeden beliebigen religiösen Glauben bekennen, oder konfessionslos sein und kann religiöse Handlungen vornehmen, soweit sie nicht im Widerspruch zu staatlichem Recht stehen.“

Artikel 32 der Staatsverfassung der ČSSR von 1960 (Hervorh. d. Autors)

 

Ob es uns persönlich gefällt oder nicht, wi können unsere Augen und Ohren nicht vor der Tatsache verschließen, dass wir an vielen Stellen auf den Trümmern der Vergangenheit bauen. Und gerade in einer solchen Zeit muss man besonders über das Erbe aus der Vergangenheit nachdenken und es erleben. Keine Revolution kann, wenn sie zum Segen werden soll, die einfachen und dabei wesentlichen Bedürfnisse des menschlichen Lebens vernachlässigen. Alle großen Revolutionäre hatten zum Ziel dem Menschen zu helfen, seine Plackerei zu erleichtern, Ungerechtigkeiten und Unrecht niederzureißen und eine Ordnung zu schaffen, in der der Mensch dem Menschen näher kommt. Wir hören schließlich auch heute, dass unsere höchsten Ziele an Sehnsüchte, Kämpfe und Siege unserer hussitischen und brüderischen Reformation anknüpfen.

J. L. Hromádka im Sammelband Od reformace k zítřku [Von der Reformation bis morgen], 1956, S. 215.

 

12. Beziehungen zu anderen Kirchen und ökumenische Zusammenarbeit seit 1861

Die einst blühenden ökumenischen Kontakte der tschechischen Protestanten - untereinander im eigenen Land wie zu den Glaubensbrüdern im Ausland – waren durch die Gegenreformation auf lange Zeit unterbrochen. Erst nach dem Protestantischen Patent von 1861 wurde ihnen wieder gestattet, Beziehungen zu den ausländischen Schwesterkirchen aufzunehmen. Die Protestanten im Ausland bekundeten damals großes Interesse an ihren tschechischen Glaubensbrüdern und ihrer bewegten Geschichte. Zugleich waren sie auch bereit, ihnen sowohl geistlich als auch materiell zu helfen. Sehr wichtig war auch die neu eröffnete Möglichkeit, die tschechischen Theologiestudenten auf den ausländischen evangelischen Hochschulen auszubilden. Außerdem hatten sie seit 1821 Zugang zur Evangelischen Fakultät in Wien. Diese hoffnungsvollen Kontakte wurden zwar durch die Weltkriege und die veränderte internationale Lage unterbrochen, doch konnten sie später wieder erneuert werden.

Die evangelischen Kirchenglieder waren sich immer sehr bewusst, dass wahre ökumenische Zusammenarbeit auf heimischem Boden im Kleinen und von unten beginnen muss. So wurde noch vor dem ersten Weltkrieg 1905 anlässlich des Hus-Jubiläums in Prag die erste interkirchliche Vereinigung unter dem symbolischen Namen Kostnická jednota (Konstanzer Unität) gegründet, um die Gemeinschaft zwischen den Kirchen zu fördern und das evangelische Bewusstsein der protestantischen Minderheit im katholischen Land zu stärken. Dieser Bund entfaltet bis heute eine rege ökumenische, geistige und kulturelle Aktivität. Unter anderem gibt er das Evangelische Wochenblatt (früher „Kostnické jiskry“ – Konstanzer Funken) und die theologische Monatsschrift Křesťanská revue (Christliche Revue) heraus. Auch die Kontakte mit den evangelischen Kirchen in der Slowakei, in denen lange Zeit die alttschechische Kralitzer Bibel als liturgisches Buch benutzt wurde, waren sehr rege. Sie wurden zeitweise durch gemeinsame Pfarrkonferenzen und sogar durch die Herausgabe einer theologischen Quartalsschrift Theologia evangelica gefördert.

Die EKBB ist seit ihrer Anfangszeit Mitglied des Reformierten Weltbundes und als vereinigte Kirche seit 2004 auch Mitglied des Lutherischen Weltbundes. Natürlich ist sie auch Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) und in der Konferenz europäischer Kirchen (KEK). Vertreter der EKBB nahmen an den Vorbereitungen der Leuenberger Konkordie und weiteren Lehrgesprächen Anteil. In der daraus hervorgegangenen Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa ist die EKBB ein aktives Mitglied. Erfreulicherweise gelang es in den letzten Jahrzehnten, auch die direkten Kontakte mit den verschiedenen ausländischen Schwesterkirchen immer weiter zu vermehren und zu vertiefen.

Nach der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1948 in Amsterdam wuchs auch in der ČSR das Interesse an einer intensiveren ökumenischen Zusamme­narbeit der Kirchen. Den direkten Anlass zur Gründung des Ökumenischen Rates in der ČSSR gab 1954 die 2. Vollversammlung des ÖRK in Evanston. Zugleich konzentrierten sich die tschechoslowakischen Protestanten auch besonders auf die Friedensfrage. Auf diese Weise wollten sie auch ihre Verantwortung für die Welt auf der Grundlage des Evangeliums wahrnehmen. So wurde 1958 auf Initiative von Prof. Hromádka die Christliche Frie­denskonferenz (CFK) gegründet, die dann nicht nur eine bedeutende Rolle im tschechoslowakischen ökumenischen Leben spielte, sondern auch viele Protestanten aus dem Osten und Westen Europas, später auch von vielen anderen Kirchen in allen Teilen der Welt zusammenführte, um dem besseren Verständnis zwischen den Kirchen und Völkern durch Friedensarbeit zu dienen. Unter den leitenden Persönlichkeiten der CFK waren von Anfang an auch viele Repräsentanten und Glieder der EKBB. Nach der gewaltsamen Beendigung des Prager Frühlings von 1968 geriet jedoch auch diese Bewegung während des Normalisierungsprozesses unter strengere staatliche Kontrolle und realsozialistischen ideologischen Einfluss. Deswegen versuchte sie sich mehr auf die aktuellen Fragen der Dritten Welt zu orientieren.

Auch die zwischenkirchliche ökumenische Arbeit in der ČSSR konnte nur unter wachsamer Aufsicht der staatlichen Stellen fortgesetzt werden und der Ökumenische Rat wurde in der Praxis vor allem zum Beratungsorgan von Vertretern der Kirchenleitungen. Doch waren einige seiner Arbeitskommissionen – besonders die für biblisches und ökumenisches Studium, für die Aktivierung des Gebetslebens, für Frauenarbeit, sowie das Bibelwerk zur Herausgabe der Heiligen Schrift – eifrig bemüht, die einheimische ökumenische Gemeinschaft zu aktivieren.

Gegen Ende 1989 wurde die bisherige Tätigkeit des Ökumenischen Rates in der ČSSR mit der gemeinsamen Erklärung beendet: „Auch wir alle waren ein Teil der kranken Gesellschaft, weil wir zu lange geschwiegen haben“. Neue ökumenische Arbeit soll sich mehr auf die Zusammenarbeit auf die Ebene der lokalen Gemeinden konzentrieren.

 

Grundsätzlich gilt, dass die ökumenischen Kontakte auch in Tschechien neue Impulse bekam von der Bibelforschung, die feststellte, dass die Einheit der Schrift nicht in einer einheitlich formulierten Lehre, sondern in der Person Jesu Christi, des Herrn und Königs der Schriften begründet liegt. In diesem Verständnis der Autorität der Bibel finden sich als Brüder auch diejenigen, die sich fremd waren. Der Sinn der ökumenischen Bewegung wird nicht in einheitlicher Lehre gesucht, sondern in der Durchsetzung der vollen Autorität von Jesus Christus im Leben der Kirche und des einzelnen Christen.

 

„Die bisherigen Reformationen der Kirche – angeregt von Vikleff, Hus, Luther, Zwingli, Calvin, Mennon, ja wiederholt auch vom Papst – können wir mit der ersten Phase der Heilung des Blinden durch Jesus (Mat. 8, 22-24) vergleichen. Jetzt ist aber eine völlige und allgemeine Reformation notwendig, die jener zweiten Phase der Heilung entspricht, als dem Blinden klares Augenlicht gegeben wurde, so dass er scharf und deutlich sehen konnte. (V. 25)

J.A. Komenský in der Schrift „Panorthosia“ aus dem Jahr 1662

„Wo Christus als König verehrt wird, müssen Zwistigkeiten ausgeräumt werden, besonders auch unter den Kirchen, sonst rufen sie nur den Zorn Gottes herbei.“

J.A. Komenský in seiner Trostschrift Angelus pacis (Eng des Friedens) von 1668

„Unsere Kirchen sind sich ihres Auftrags bewusst. Im Ganzen sehen wir in ihnen Abglanz und Widerhall der reichen Vielseitigkeit des reformatorischen Kampfes um die Reinheit des Evangeliums und um die Erneuerung der Kirche Christi“

Josef L. Hromádka in: Gestern und heute, 1955

„Die Einheit der Kirche Christi bedeutet keine Uniformität Aber wir sehnen uns danach, daß das Klima der Zusammenarbeit uns im geistigen Vertrauen zueinander eine immer engere Einmütigkeit ermöglicht, und daß sie mit wirklichem Frieden in der ganzen menschlichen Gesellschaft beitragen.“

Josef L. Hromádka in: Dienende Gemeinde, 1961

 

13. Der Kampf um die Existenz in der Gesellschaft unter kommunistischer Regierung 1948-1977

Nach dem Umsturz vom Februar 1948, als, wie es offiziell hieß, die Arbeiterklasse unter der Führung der kommunistischen Partei die Macht in der ČSR übernommen hatte, kam auch die EKBB in eine völlig neue Situation. Die tschechischen Evangelischen hatten immer mit den progressiven sozialen Tendenzen in ihrem Volk sympathisiert. Deshalb stellten sie sich nicht kategorisch gegen die proklamierten sozialistischen Ideen und Bestrebungen, von denen man einen gerechten Umbau der Gesellschaftsordnung erwartete. Sie waren dann jedoch schwer erschüttert durch die Gewalt und das Unrecht, welche das kommunistische Regime an vielen Menschen verübte.

Dank der unermüdlichen Aktivität von Prof. Josef Hromádka als Leitfigur in der Kirche und in der breiteren Ökumene, der sehr tiefgehend die sozialpolitischen Fragen zu schätzen wusste, gelangten viele Glieder aller protestantischen Kirchen in der ČSR zu einem neuen Verständnis ihrer politischen Verantwortung und Sendung in der sozialistischen Gesellschaft im Sinne christlicher Proexistenz. Auch in einigen Synodalerklärungen der EKBB wurden diese Ideen zum Ausdruck gebracht, begleitet vom aufrichtigen Wunsch nach guten Beziehungen zwischen der Kirche und der Staatsregierung.

Leider geriet bald auch die Kirche unter den wachsenden ideologischen und machtpolitischen Druck, der alle Bereiche ihrer Arbeit bedrohte und mit dem sie sich schließlich auseinandersetzen musste. Aus dem reforma­torischen Erbe blieb in den breiten Reihen der EKBB ein tiefes Bewusstsein der Verantwortung für das öffentliche Leben, aber zugleich auch die Tendenz, volle Unabhängigkeit der Kirche von der weltlichen Macht zu fordern. Und da die tschechischen Protestanten in ihrer Geschichte sehr oft von der weltlichen Obrigkeit unterdrückt und verfolgt wurden, blieben sie immer sehr nüchtern und kritisch gegenüber jeder Form der weltlichen Macht. Unter jedem politischen System wollten sie aber nach dem Vorbild der Väter volle Freiheit für Verkündigung des Evangeliums und unbeschränkte kirchliche Arbeit gewährleistet bekommen.

Ab 1952 begann in der EKBB der Verband evangelischer Geistlicher seine Tätigkeit. Er kümmerte sich um die theologische Weiterbildung der Prediger und immer mehr beschäftigte er sich auch mit der Verantwortung des Christen für öffentliche und internationale Angelegenheiten. Er leistete auch soziale Hilfe für Pfarrer und ihre Familien und als der Druck von außen größer wurde, stand er vielen Betroffenen zur Seite. Die Tätigkeit des Verbands wurde 1974 durch eine Entscheidung des Innenministeriums gewaltsam beendet.

In den sechziger Jahren begannen einige marxistische Philosophen, unter anderem Prof. Milan Machovec, sich auch mit den Fragen des Christentums und der Möglichkeit eines Dialogs mit dem Christentum zu beschäftigen, was von den kirchlichen Kreisen mit neuen guten Erwartungen begrüßt wurde. Die EKBB bemühte sich damals um eine neue Formulierung der theologischen Grundsätze, die von der Synode 1966 angenommen worden waren. Leider waren die Erwartungen an eine neue, wirklich gerechtere sozia­listische Gesellschaft immer wieder sehr enttäuscht worden. Die Tatsache, dass die marxistische Ideologie als herrschendes Prinzip proklamiert wurde, und der materialistische Atheismus als die einzig geltende Weltanschauung forciert wurde, führte die meisten Kirchenglieder zu wachsendem Misstrauen und zur Distanzierung von der kommunistisch geführten sozialistischen Regierungspolitik.

Dieses Misstrauen und ein inneres Gefühl der Ohnmacht, an dieser Situation etwas ändern zu können, trieb viele Menschen in die „innere Emigration“ und zur allgemeinen Idee eines passiven „Überwinterns“ und „Überlebens“ in einer neuen „Zeit der Finsternis“. Der Kampf um das Überleben und um die richtige christliche Orientierung der Kirche hat jedoch nie aufgehört und kam besonders auf den Synoden, die sich in verschiedenen Memoranden und Petitionen an die staatlichen Stellen wandten, klar zum Ausdruck.

Der Versuch einer demokratischen Reform des abso­lutistischen kommunistischen Systems durch Alexander Dubček 1968 weckte auch in kirchlichen Kreisen neue Hoffnungen auf die Wiederherstellung einer wirklich sozialistischen Gesellschaft mit menschlichem Antlitz. Jene kurze Zeit des politischen Prager Frühlings wurde am 21. August 1968 durch den Einmarsch der Armeen der Sowjetunion und anderer sozialistischer Länder gewaltsam beendet. Während der folgenden Jahre wurde fortschreitend eine politische Säuberung – offiziell Normalisierung genannt – unerbittlich durchgeführt, mit der die Machthaber einen noch härteren Kurs ihrer totalitären Politik durchsetzten. Dieser rücksichtslose Druck erweckte aber auch einen Gegendruck bei den bisher schlafenden nichtkommunistischen Volksschichten, einschließlich der Kirchenglieder. Zum eindrucksvollen Zeichen der inneren Auflehnung der jungen Generation wurde die Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach - der auch Mitglied der EKBB war - am 16. Januar 1969 auf dem Wenzelsplatz.

Nach der Veröffentlichung der Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) 1976, die auch von der Regierung der ČSSR unterzeichnet worden war, gründete sich in der Tschechoslowakei die Charta77 eine neue Bewegung mit dem Ziel, die darin garantierten Bürgerrechte in der Verfassungs­wirklich­keit praktisch durchzusetzen. Sie wurde auch von vielen Kirchengliedern unterstützt. Im Rahmen der repressiven staatlichen Maßnahmen mussten auch einige Pfarrer der EKBB ihren kirchlichen Dienst verlassen. Der erste Charta-Sprecher, der Philosoph Jan Patočka, hat sein mutiges Eintreten mit dem Leben bezahlt. Der Dramatiker Václav Havel und viele andere wurden eingesperrt. Das Auftreten der Charta 77, wurde zur wichtigen politischen und moralischen Scheidungslinie in dem neu erwachenden Volk. Unter ihren Erstunterzeichnern waren 19 Pfarrer und Vikare sowie eine Reihe von Laien aus der EKBB. In den Kirchengemeinden mussten die Prediger und Presbyter ständig um den Raum für ihren Dienst kämpfen.

 

Das öffentliche Leben darf nicht alle unsere Aufmerksamkeit, Kraft und Zeit in Anspruch nehmen!

Brüder und Schwestern, diese Versammlung unterscheidet sich in ihrem Sinn grundsätzlich von allen menschlichen Vereinen und Aktionen. Sie ist etwas, was durch nichts anderes ersetzt werden kann. Ja, wir Menschen versammeln uns hier; aber das Wort, das wir öffnen, die Verheißung, die uns verkündet ist, der Name, über uns gesprochen ist, seine Gegenwart, die uns verheißen ist, das ist nicht mehr menschlich, das ist das Wort, die Verheißung, der Name und die Gegenwart von Gott, dem dreieinigen, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.

J. B. Souček, Mladý evangelík a veřejný život [der junge Evangelische und das öffenliche Leben] 1936, YMCA

 

 

Die Kirche kann ihre Aufgabe nicht erfüllen, ohne Verantwortung für die Welt zu übernehmen. Aber sie kann ihr nur im Licht des Kreuzes Jesu Christi dienen. Sie lebt in der wirklichen Solidarität mit dem Menschen dieser Welt, aber auch im Bewußtsein, daß sie seine Ansprüche verwei­gern muß, wenn diese ihre geistliche Sendung entstellen, was letzten Endes auch die Wurzeln der wahren staatlichen Autorität schwächt. Nur im Gehorsam gegen ihren Herrn trägt sie zu gesunden gesellschaftlichen Beziehungen bei und hilft dem Staat, seine eigene legitime Sendung zu erfüllen.“

Aus den „Grundsätzen der EKBB“ von 1968

 

„Wovor fürchten sich eigentlich die Menschen? Vor Prozessen? Folterungen? Eigentumsverlust? Deportation? Hinrichtungen? Sicher nicht; diese brutalsten Formen eines Druckes der gesellschaftlichen Macht auf die Bürger gehö­ren wenigstens in unseren Verhältnissen- glücklicherweise der Geschichte an. Der heutige Druck hat feinere und subti­lere Formen; und wenn es auch heute politische Prozesse gibt, stellen sie doch nur eine äußerste Drohung dar, während der Schwerpunkt in den Bereich des Existenzdrucks verla­gert wurde.“

Der Dramatiker Václav Havel in einem Brief an den Gene­ralsekretär der Kommunistischen Partei am 8. April 1975 zum so genannten Konsolidierungsprozess in der CSSR.

 

14.Suche nach eigener Identität unter den Bedingungen des Realsozialismus 1977-1989

 

Das mutige Auftreten der Anhänger der Charta 77 fand auch in der innerkirchlichen Diskussion der EKBB über die richtige theologische Orientierung ein breites Echo. Ähnlich wie einst in der Hussitenzeit die gemäßigten Prager sich mit den radikalen Taboriten auseinanderzusetzen hatten, gab es auch nun in der Kirche unter dem Druck des Realsozialismus zwei Hauptrichtungen: 1. die Mehrheit der Gemäßigten die im Interesse der Aufrechterhaltung der kirchlichen Arbeit eher nach friedlichen und konfliktlosen Wegen suchten, und 2. der enge Kreis der Radikalen, die einen kompromisslosen Kurs mit all seinen Konsequenzen vertraten. Die radikalen Stimmen waren auch auf allen Synoden sehr laut und dienten als Korrektiv im Ringen um die richtige Orientierung. Die Kirchenleitung - unterstützt von den Synoden - suchte vor allem den Weg offener Beziehungen mit den staatlichen Stellen, und war stets bestrebt, alle Probleme und Konflikte durch Gespräche und Verhandlungen zu lögen, um die Arbeitsmöglichkeiten der Kirche zu gewährleisten. Das Vorbild der alten Brüderunität als einer Verkündigenden Kirche unter dem auferlegten Kreuz gewann in der EKBB das Übergewicht.

Die Frage der Wahrung der Menschen- und Bürgerrechte fand jedoch auch in den Reihen der Kirche positive Resonanz. Schon im Mai 1977 richtete eine Gruppe von 31 Gliedern der Kirche einen offenen Brief an das Parlament der ČSSR mit der Aufforderung, die Religionsfreiheit uneingeschränkt zu garantieren. Die Unterzeichner waren vor allem junge Pfarrer und Vikare, von denen einige bereits zuvor die staatliche Genehmigung zum kirchlichen Dienst verloren hatten, sowie einige bedeutende Laien. Dabei kam es zur Auseinandersetzung um die Frage der rechtmäßigen Repräsentation der Kirche.

Damals waren schon 54 Pfarrer der EKBB ohne staatliche Genehmigung und eine Reihe von Theologiestudenten war von der Fakultät relegiert worden. Desto mehr konnte nun der Synodalrat der EKBB die staatlichen Organe auf verschiedene Fälle der Nichteinhaltung der Kirchengesetze und der Bürgerrechte hinweisen und so den Weg des Protests im Rahmen der Legalität fortsetzen. Diese Verhandlungen waren so erfolgreich, dass einige Pfarrer wieder in den kirchlichen Dienst zurückkehren konnten. Auch im Bereich der Kreisverwaltungen wurden bei den staatlichen Behörden ständig neue Beschwerden über konkrete Fälle von Gesetzesverletzungen eingereicht: Behinderungen des Religionsunterrichts, der Jugendarbeit und Publikationstätigkeit; starke Benachteiligungen von Kirchenmitgliedern in ihrem bürgerlichen Beruf und ihrer Kinder bei der Hochschulzulassung; Willkür bei der Erteilung der

Dienstgenehmigung oder Aufhebung dieser Genehmigung aufgrund angeblicher staatlicher Unzuverlässigkeit; wiederholte Versuche der Aufsichtsorgane und der Staatssicherheit, vor Synodaltagungen die Delegierten zu beeinflussen.

Die Diskussion über die angemessene Orientierung der Kirche wurde regelmäßig auch zum Thema der Senioratskonvente und Synoden, wobei jedoch der brüderliche Wille zum offenen theologischen Gespräch stets das Übergewicht behielt. Und obwohl es manchmal auch zu schweren Kontroversen kam, waren die Vertreter verschiedener Richtungen und Konzeptionen immer bereit, beim Heiligen Abendmahl den Geist der Versöhnung und der brüderlichen Bereitschaft zur Erhaltung der Einheit der Kirche zu bezeugen.

Die Tagungen der EKBB - Synoden erinnerten durch ihre Offenheit – inmitten der ringsum übermächtigen Totalität – an die Praktiken eines demokratischen Parlaments und zogen dadurch die Aufmerkeit der staatlichen Organe auf sich. Mitte der achtziger Jahre, nachdem die Sowjetunion durch Michail S. Gorbatschows Politik der Glasnost und Perestroika einen neuen Weg der politischen und wirtschaftlichen Reform eingeschlagen hatte, bekam auch die ČSSR die Möglichkeit einer erneuten Demokratisierung ihres bisherigen totalitären Systems. Leider blieben die Machthaber nur bei allgemeinen Proklamationen und zeigten keine echte Bereitschaft, den alten machtpolitischen Kurs zu ändern. In jener Zeit begann auch die bisher „schweigende Mehrheit“ des Volkes, das die demokratische Tradition der ersten Republik nie vergessen hatte, aufzuwachen und die neuen Bürgerinitiativen stärker zu unterstützen. Anlässlich bedeutender Jahrestage kam es zu großen Massenversammlungen und Demonstrationen, die durch Angriffe der Polizei und von kommunistischen Volksmilizen brutal unterdrückt wurden.

Nach der 25. Synode der EKBB befasste sich die Kirchenleitung mit den Vorschlägen zur Änderung der gesetzlichen Vorschriften im Bereich der Religionsfreiheit und der Menschenrechte. Die ersten Vorschläge wurden der staatlichen Verwaltung gegen Ende 1988 übergeben und Anfang 1989 wurden weitere Verhandlungen unternommen. Im Frühjahr 1989 entstand die neue Bürgerinitiative „Einige Sätze“ diesmal als massenhafte Unterschriftenaktion zur Erneuerung der demokratischen Freiheiten. Sie fand auch in den Kirchen ein großes Echo. Der Drang nach dem „Leben in Wahrheit und Freiheit“ im Sinne der Losung von Václav Havel, des führenden Oppositionellen gegen das Totalregime, wurde immer deutlicher. Die allgemeine Sehnsucht nach Freiheit und Demokratie wurde schließlich auch in den Diskussionen der 26. Synode der EKBB im November 1989 sehr laut. Die Abendsitzung am 17. November wurde nach dem Bericht der Teilnehmer der Studentendemonstration auf der Nationalstraße in Prag über das brutale Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten unterbrochen, und die Synode setzte sich sowohl mit ihren Fürbitten als auch mit entschlossenen Bemühungen um eine gerechte Lösung der Krisensituation ein.

 

„Am Anfang war das Wort - heißt es auf der ersten Seite eines der wichtigsten Bücher die wir kennen. - Wenn das Wort Gottes der Quell aller Schöpfung ist, dann verdankt sich der besondere Teil dieser Schöpfung, den das Menschengeschlecht ausmacht, einem weiteren Wunder Gottes, nämlich dem Wunder des menschlichen Wortes. Und wenn dieses Wunder der Schlüssel zur Geschichte des Menschen ist, dann ist es zugleich auch der Schlüssel zur Geschichte der Gesellschaft. Wäre nämlich das Wort nicht eine Art der Kommunikation zwischen zwei oder mehreren menschlichen Ichs, dann wäre es wohl überhaupt nichts wert.“

Václav Havel in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 15. 10. 1989

 

„Zum Schluß wenden wir uns an die Vertreter unseres öffentlichen Lebens. Wir wollen an der Gesundung des Lebens im geistigen, moralischen, gesellschaftlichen, ökologischen und ökonomischen Bereich aktiv mitwirken. Wir erwarten die Achtung vor der Meinung aller Bürger ohne Unterschied, da ihnen vor dem Gesetz wie vor Gott die Gleichstellung zukommt. Niemand darf sich die Macht auf Kosten anderer aneignen. Gerade in diesen Tagen haben wir es unmittelbar erfahren, in welch schrecklicher Weise Gewalt mißbraucht werden kann. Wir treten ein für das Recht auf Versammlungsfreiheit, auf Äußerung dar Meinung und des Willens durch gewaltfreie Mittel. Wir erwarten, daß die um des Gewissens willen Inhaftierten freigelassen werden. Wir sind überzeugt, daß all dies nicht zur Destabilisierung, sondern zur Reinigung und Festigung der ganzen Gesellschaft führen wird.“

Aus der Botschaft der 26. Synode vom 18. November 1989

 

15. Die neue Situation nach der Wiederherstellung von Freiheit und Demokratie 1989-1990

Die geistige und moralische Kraft der bis dahin unterdrückten demokratischen Gegner des totalitären Regimes setzte sich in den Novembertagen 1989 als Macht der Ohnmächtigen wirksam durch und stürzte in der kurzen gewaltfreien „Samtenen Revolution“ die erschrockene und ratlose kommunistische Herrschaft. Auch Glieder der Kirchen waren an der dramatischen Veränderung der politischen Situation entsprechend beteiligt. Die Theologiestudenten aller Fakultäten streikten nach den blutigen Ereignissen vom17. November gemeinsam mit den Studenten aller anderen Hochschulen, und manche Kirchenglieder engagierten sich auf vielerlei Weise in dem neu organisierten Bürgerforum. Mit einer wichtigen Aufgabe wurde auch der Synodalsenior der EKBB Dr. J. Hromádka als Vorsitzender der 26. Synode und zugleich Vorsitzender des Ökumenischen Rates betraut: von den ersten gefährlichen Tagen an sollte er mit den Regierungsstellen über eine gewaltfreie Lösung der kritischen Situation verhandeln. Bald danach wurde er zur Mitarbeit in die neue Regierung berufen.

Nach 42 Jahren wurde das seit 1948 bestehende absolutistische Machtmonompol der einen politischen Partei gebrochen, und alle demokratischen Rechte wurden wiederhergestellt. Die Wahl von Václav Havel zum Staatspräsidenten am 29. 12. 1989 wurde zu einem neuen Wendepunkt in der tschechoslowakischen Geschichte. Auch manche von den anderen Dissidenten, die wegen ihrer politischen Opposition ihrer Posten enthoben und auf vielfältige Art verfolgt worden waren, konnten bedeutende Posten in der neu gebildeten Gesellschaft besetzen. Einige von ihnen gelangten bald auf die freigewordenen Plätze im Parlament und in der neuen Regierung der Nationalen Verständigung.

Die Berufung des EKBB - Kirchenpräsidenten Dr. J. Hromádka zum stellvertretenden Ministerpräsidenten mit dem Ressort Bildung, Erziehung, Kultur, Kirchenfragen und Gesundheit in der Föderalregierung hat zur schnellen Wiederherstellung der Religionsfreiheit mitbeigetragen. Die bisherige staatliche Aufsicht über die Kirchen durch ein besonderes Sekretariat wurde aufge­hoben. Die Entschädigungsansprüche der Kirchen, besonders der römisch-katholischen sowie ihrer aufge­lösten Ordensgemeinschaften, wurden im Rahmen der Rehabilitierungsverfahren eingelöst. Die seit Jahren unterbrochenen diplomatischen Beziehungen zum Vatikan und zum Staat Israel wurden bald wiederaufgenommen. Die Prager theologischen Fakultäten wurden der Karls- Universität angegliedert.

Nach einem halben Jahrhundert kam also wieder ein Kirchenrepräsentant – diesmal aus der evangelischen Minderheit – in die Staatsregierung. In der ersten Republik war dies nur den Katholiken mit Hilfe ihrer Volkspartei möglich gewesen. In den Reihen der EKBB hat jedoch die Frage des politischen Engagements ihres Repräsentanten theologische Polemik hervorgerufen, die von der Fortsetzungstagung der 26. Synode gelöst werden musste. Mit Rücksicht auf die Kirchenordnung wurde Dr. Hromádka für einen zeitweiligen Dienst in der Regierung befreit - unter der Bedingung, dass er während seiner politischen Funktion sein kirchliches Amt nicht ausübe. Das mit der Ordination verliehene Recht zur öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung blieb ihm jedoch erhalten. Nach dem Ausscheiden aus seiner staatlichen Funktion übte Dr. Hromádka das Amt des Synodalseniors noch bis Ende 1990 aus.

Nach einem halben Jahr konnten in der neuen Tschechoslowakischen Föderativen Republik (ČSFR) am 8. 6. 1990 auch freie Parlamentswahlen stattfinden. Die absolute Mehrheit der Bevölkerung hat sich dafür entschieden, die demokratische Politik zu unterstützen entschieden. Das tschechoslowakische Volk brachte seinen Willen zur Fortsetzung des Weges in eine freiheitlich-demokratische Zukunft deutlich zum Ausdruck. Es ist begreiflich, dass die Rückkehr in die Gemeinschaft der freien Völker kein einfacher Weg sein kann. Wenn die Demonstranten der samtenen Revolution in den Straßen von Prag riefen:„Wir haben leere Hände!“, so müssen ihre Nachfolger heute aufgrund der ökonomischen Situation sagen: „Wir haben leere Hände!“ Erst jetzt wird wirklich deutlich, was alles während des kommunistischen bürokratischen Systems vernachlässigt wurde. Wie tief das ganze, einst blühende prosperierende Land unter das europäische Niveau gesunken ist: in der Wirtschaft und Technologie, im gesellschaftlichen Leben, in der Kultur und in der Moral. Es ist daher eine gewaltige Aufgabe für alle guten Kräfte in der ČSFR, einschließlich der Kirchen und gläubigen Bürger, andere Völker auf allen Gebieten wieder einzuholen und die tschechoslowakischen Länder in das gemeinsame europäische Haus und die breite Völkerge­meinschaft einzugliedern.

In den neuen politischen Verhältnissen ergab sich für alle Kirchen in der ČSFR die Möglichkeit, sowohl ihre eigenen als auch die gemeinsamen ökumenischen Aktivitäten zu intensivieren. Zunächst wurden mehrere gemeinsame Dankgottesdienste und andere ökumenische Versammlungen veranstaltet. Nach einem halben Jahrhundert wurden wieder Gottesdienste, Andachten und Nachrichten aus den einzelnen Kirchen und vom Ökume­nischen Rat in die Sendungen der Massenmedien aufgenommen. Auf der Plenarsitzung des ÖRK am 30. 1. 1990 wurde die radikale Neuorientierung und Umgestaltung der ökumenischen Arbeit beschlossen, die sich in Zukunft mehr auf gemeinsame Fragen der Erzie­hung, der Evangelisation, der Diakonie und der Publikationstätigkeit konzentrieren soll. (Das Manuskript wurde am 15. Juni 1990 beendet.)

 

„Wir wissen, daß wir Jesus Christus oft keine Ehre gemacht haben; trotzdem wollen wir euch aber in seinem Namen zum Nachdenken über das Erbe von Kyrill und Methodius, über das Werk von Magister Jan Hus, Petr von Chelčice, Jan Amos Comenius und Tomáš G. Masaryk einladen und aufrufen. Fürchten wir uns nicht, unsere Meinung zu sagen! Laßt uns die Umgestaltung der Gesellschaft zur bewußten sozialen Gerechtigkeit und vollen Demokratie unterstützen, die unserer christlichen Tradition besonders nahe steht!“

Aus der Botschaft der 26. Synode vom 18. 11. 1989

„Wir freuen uns ... über alle Äußerungen der Standhaftigkeit im Bekenntnis ... Wir schätzen all diejenigen sehr, die die Charta 77 oder ähnliche Dokumente unterzeichnet haben und sich damit stellvertretend für uns direkter Verfolgung ausgesetzt haben. Es gab auch nicht wenige, die an ihren Bemühungen indirekt beteiligt waren, indem sie sie unterstützt und ihnen Rückhalt in den Gemeinden gegeben haben ... Wir sind dankbar für die Brüder und Schwestern, die auch in diesen nicht leichten Zeiten nicht aufgehört haben, sich zu Christus zu bekennen, selbst wenn sie dafür auf vielerlei Weise bezahlen mussten, sowie für die Prediger, die ... treu ihren Gemeinden gedient und so eine Arbeit geleistet haben, die niemand anders für uns tun kann. ... Wir alle fühlen, dass wir die Buße des Einzelnen wie der Kirche brauchen. ... Nur durch die gründliche Erforschung der eigenen Verstrickung und Schuld unter dem Kreuz Christi und durch die Annahme der teuren Gnade können wir unseren Weg finden und den übrigen Menschen in unserem Land begegnen.“

Aus der Botschaft der 26. Synode vom 17.11. 1990

 

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